Die grüne Fee

In der Spezialitäten-Manufaktur der Magdeburger „Abtshof“-Destillerie werden die „Absinth 66“-Flaschen in Handarbeit zum Unikat.

Mit ihrem „Absinth 66“ ist die Magdeburger „Abtshof“-Destillerie Marktführer

Verlor der Maler Vincent van Gogh im Streit mit Paul Gauguin sein rechtes Ohr? Oder hat er sich im Absinth-Rausch selbst das Ohr abgeschnitten? Interessiert verfolgt Helmut Mager sämtliche Veröffentlichungen über jenen legendären Vorfall Weihnachten 1888 in Südfrankreich. Mager ist Unternehmenssprecher der Magdeburger Spezialitäten-Destillerie „Abtshof“. Deren Hausmarke „Absinth 66“ lebt vom Mythos um die Spirituose, die nach dem botanischen Begriff für Wermut benannt ist: Artemisia absinthium.

Deutschlandweit in den Supermarktregalen

Kräuterliköre und Magenbitter, Goldbrand, Klarer und Wodka – dass sich „Abtshof“-Spezialitäten heute bundesweit in den Regalen von Fachläden und großen Handelsketten behaupten, ist Ergebnis einer erfolgreichen Unternehmensstrategie: „Wir sind ganz nah dran an den verschiedenen Generationen, um zu erfahren, wie ihr Lebensstil ist, inwieweit Lebensgewohnheiten Bestand haben oder sich ändern“, sagt Helmut Mager. Nicht zuletzt aus diesem Grunde öffnet der alteingesessene Buckauer Betrieb dem Publikum seine Türen. Zu den Besucherangeboten unter dem Motto „Kultur und Tradition erleben“ zählen Betriebsführungen und Genussabende. Sehr beliebt ist die „Grüne Stunde“ in Anlehnung an die „heure verte“. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt in französischen Straßencafés das Absinth-Trinken zwischen 17 und 19 Uhr als chic, sogar bei Frauen.

Spezialitäten-Manufaktur

Helmut Mager öffnet die Tür zu einem besonderen Betriebsteil des „Abtshofes“ – zur „Spezialitäten-Manufaktur“. Hier treffen wir Frank Kwapulinski, den Geschäftsführer für Produktion und Technik. Ein Eindruck von „Grüner Stunde“ auch hier in der Manufaktur – selbstredend nur, was die Optik betrifft. Grün leuchtet das Getränk aus den Flakons, die in ihrer Form an Apotheker-Flaschen erinnern – in Anlehnung an die ursprüngliche Verwendung von Absinth als Heilmittel.

„Aus den automatisch abgefüllten Flaschen wird auf der letzten Wegstrecke bis in die Kartons ein Unikat“, sagt Frank Kwapulinski.“ Geschickte Hände erledigen die finale Ausstattung einschließlich der Verschnürung mit einem Hanfband. Nach durchgeführter Endkontrolle erfolgen die abschließende Verplombung und das Verpacken in diverse Geschenkkartons. „Maßvoll genießen“, wirbt ein Logo auf der Verpackung. „Wir sind Mitglied im Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure“, sagt Frank Kwapulinski und dass der „Abtshof“ gemeinsam mit dem Verband auf einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol aufmerksam macht, ohne ihn aus unserer Lebenskultur zu verdammen.

Frönen wie van Gogh

Apropos Lebenskultur: In den 1920er Jahren hatten Kunstmaler und Literaten die „grüne Fee“ als ihre Muse entdeckt. Schriftsteller wie Ernest Hemingway, Edgar Allan Poe oder Oscar Wilde frönten dem Getränk. Maler wie Vincent van Gogh, Viktor Oliva oder Edouard Manet ließen sich von ihm inspirieren. Doch bald schon führte ein weit verbreiteter Langzeit-Absinth-Konsum zum länderübergreifenden Verbot der Spirituose. „Dass es 1998 aufgehoben wurde und wir durch Zufall davon erfuhren, brachte uns auf eine wagemutige Idee: Wir wollten dem legendären Künstlergetränk zur Renaissance verhelfen“, sagt Unternehmenssprecher Mager.

„Abtshof“ machte den Absinth wieder salonfähig im wahren Wortsinne. In Cocktails, über Süßspeisen oder über Eis ist er derzeit groß angesagt bei Jung und Alt. „,Absinth 66‘ ist deutschlandweit die Nummer Eins auf dem Absinthmarkt“, sagt der Unternehmenssprecher.

Innovativer Marktführer

Um diese Marktführerschaft zu behaupten, zeigt sich das Traditionsunternehmen innovativ: Da gibt es neben dem grünen Klassiker aus Wermut, Anis, Fenchel, Melisse und Koriander eine gelbe Variante mit Vanillearoma und eine rote mit einem Hauch von Tonkabohnen-Essenz. Die aus Südamerika stammende Frucht sei in der gehobenen Gastronomie gerade ein Trend-Gewürz, erzählt Helmut Mager und fügt augenzwinkernd hinzu, dass man der braunen Bohne glückbringende, gar aphrodisierende Wirkung zuschreibt. Ob ihn schon entsprechendes Kundenfeedback erreicht hat? Er lächelt und schweigt.

Von sich reden macht der „Abtshof“ dagegen durch eine Neuheit unter der Hausmarke 66: „Buffalo Grass Gin“. „Unser Unternehmen war ganz schön mutig, sich in die Reihe deutscher Gin-Hersteller einzugliedern“, betont Helmut Mager. Nach zwei Jahren auf einem Testmarkt findet derzeitig die Einführung auf dem nationalen Markt statt. „In der Herstellung ist ,Buffalo Grass Gin 66‘ kein Hexenwerk, aber doch ein komplexer Vorgang“, sagt Helmut Mager und zählt die Zutaten auf, aus denen sich der Gin zusammensetzt: Wacholder, Koriander, Wermutkraut, Zitronen- und Orangenschalen werden in einem aufwändigen und geheimen Mehrstufen-Mazerationsverfahren mit dem Original-Bisongras vermaischt und dann destilliert. Wer jetzt neugierig geworden ist, könne sich auf noch weitere interessante Neuheiten aus der Magdeburger Spezialitäten-Destillerie freuen, stellt der „Abtshof“-Sprecher in Aussicht.

Lange Tradition

„Das Destillat aus Wermut wurde erstmals 1779 hergestellt“, Helmut Mager erzählt von den Kräuterfrauen in der Schweiz, während er seine Schritte über das traditionsreiche Firmengelände in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, Magdeburg, lenkt. Hier, auf dem Areal einer 1864 gegründeten Dampfbierbrauerei, hatte 1924 ein Weingutbesitzer von der Mosel den „Abtshof“ als seinen Vertriebsstandort gegründet. Nur ein paar Jahre später wurden hier hauseigene Liköre und Brände produziert. Die waren fortan gefragt im weiten Umkreis von Magdeburg. Nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung hatten die Unternehmerfamilie Nissenbaum aus Konstanz und ein Management Buy Out aus Magdeburg die Privatisierung des Betriebes gemeinschaftlich vorangetrieben und 1992 die Abtshof Magdeburg GmbH gegründet.

Autor Kathrain Graubaum

www.abtshof.de