Alleskönner mit enormen Potenzial

In der Kleinstadt Klötze im Norden von Sachsen-Anhalt befindet sich Deutschlands größte Algenfarm. Mikroalgen sind vielfältig einsetzbar und können dabei helfen, drängende Probleme der Menschheit zu lösen.

Rebhühner laufen über die Wiese auf dem Firmengelände. Durch das geöffnete Fenster im Büro dringt munteres Vogelgezwitscher. Verkehrslärm gibt es hier nicht. Jörg Ullmann sitzt an seinem Schreibtisch und schaut hinaus ins Grüne. „Das ist eine Form von Lebensqualität, die man in einer Großstadt so nicht findet“, sagt der Biologe über seinen Arbeitsplatz in der Altmark. Er ist Geschäftsführer der Algenfarm in Klötze, wo bereits seit dem Jahr 2000 Mikroalgen angebaut werden. In den vergangenen Jahren hat sich im Bereich Algen viel getan – sei es in der Forschung, bei der Produktion sowie in der Vermarktung.

„Das ist eine Form von Lebensqualität, die man in einer Großstadt so nicht findet.“

Trotz der ländlichen Idylle, die Jörg Ullmann umgibt, hat er einen klaren, analytischen Blick auf den Weltmarkt und sieht Handlungsbedarf beim Thema Algen. „Auch wenn ich mich schon seit mehr als 20 Jahren mit Algen beschäftige, fühle ich mich als ein Pionier in diesem Bereich und muss immer noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Das Potenzial von Mikroalgen ist enorm und somit ist auch der Markt dafür sehr vielversprechend. Aber Deutschland und Europa müssen mehr und vor allem unkomplizierter in die Forschung investieren und sich strategisch klar auf eine industrielle Algenproduktion ausrichten. Sonst laufen uns andere Länder den Rang ab“, erklärt der Algen-Experte. Die große Bedeutung, die Algen in Zukunft haben werden, ist kein Geheimnis. So hat sich beispielsweise Saudi-Arabien das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 weltgrößter Algenproduzent zu werden. Auch in den USA, China und Brasilien wird der Algenmarkt zunehmend in den Fokus der Industrie genommen. „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es da in anderen Teilen der Welt aktuell durchaus mehr Dynamik gibt“, sagt Ullmann nicht ohne Sorge.

„Das Potenzial von Mikroalgen ist enorm und somit ist auch der Markt dafür sehr vielversprechend. Aber Deutschland und Europa müssen mehr und vor allem unkomplizierter in die Forschung investieren und sich strategisch klar auf eine industrielle Algenproduktion ausrichten.“

Der hohe Eiweiß- und Vitamingehalt macht Algen zu einem begehrten Zusatzmittel in der Lebensmittelindustrie – so können sie beispielsweise als Ersatz für Eier und Butter verwendet werden. Mit Blick auf den Anstieg der Weltbevölkerung und der damit verbundenen Nahrungsversorgung liegt es auf der Hand, dass die Bedeutung von Algen deutlich steigen wird.
Als Zusatzstoff im Tierfutter, in Kosmetik und Farben sind Algen ebenfalls zunehmend gefragt. Aktuell gibt es Forschungsprojekte, die Algen als Fasern für die Textilindustrie untersuchen oder als synthetischer Ersatz für Erdöl nutzen. Algen haben das Potenzial, fossile Rohstoffe in vielen Bereichen zu ersetzen.

„Algomed“ – von Klötze aus bis nach Asien

Die Algenfarm Klötze produziert, als eine der wenigen Hersteller in Deutschland, die Grünalge Chlorella als Lebensmittelzusatz in einem hochinnovativen 500 Kilometer langen Glasröhrensystem. Die Mikroalge wächst in Süßwasser und ist bereits nach einer Woche erntereif. Etwa 50 Tonnen der Alge stellt das Unternehmen jährlich her und versendet das pulverförmige Endprodukt unter dem Markennamen „Algomed“ bis nach Asien. Die Produktionsweise in Glasröhren garantiert eine Spitzenqualität, da in das geschlossenen System keine Verunreinigungen gelangen können. Das ist ein deutlicher Vorteil gegenüber den weit verbreiteten Anbaumethoden in offenen Teichanlagen.
Gegenwärtig beschäftigt Jörg Ullmann 16 Mitarbeiter in den Bereichen Produktion, Labor, Versand und Verwaltung. Zudem pflegt die Algenfarm Klötze enge Kooperationen zu anderen Algenproduzenten wie der Agrargenossenschaft Burgscheidungen im Süden Sachsen-Anhalts oder der Deutschen Algengenossenschaft, ein Verbund von Produzenten in Norddeutschland.

„Algen haben das Potenzial, fossile Rohstoffe in vielen Bereichen zu ersetzen."

 

In Europa nimmt Sachsen-Anhalt einen Spitzenplatz ein, was die Algen-Erforschung mit Blick auf Ernährung, Medizin sowie als Energieträger angeht. So beschäftigt sich das Kompetenzzentrum Algenbiotechnologie und das Zentrum für Naturstoffbasierte Therapeutika an der Hochschule Anhalt bereits seit vielen Jahren mit dem Thema. Zukünftig soll das Mitteldeutsche Algenzentrum als Innovationscluster die Dynamik im Algen-Sektor steigern und die Säule der Bioökonomie in Sachsen-Anhalt fest verankern.

Auch wenn der Schreibtisch von Jörg Ullman in der Kleinstadt Klötze steht, ist er nicht nur in Berlin, Paris und Brüssel ein gefragter Gesprächspartner, sondern erhält als „Algen-Botschafter“ auch Einladungen nach Brasilien, Saudi-Arabien oder in die USA.

Um in Europa der Algenproduktion im großen Stil zum Durchbruch zu verhelfen, hat der Biologe einen interessanten Vorschlag: „Eine übergangsweise Algen-Quote im Fischfutter von drei bis fünf Prozent wäre sehr hilfreich. Dann gäbe es automatisch eine gewisse Marktgröße und eine damit verbundene Abnahmesicherheit, die es für Investoren lohnenswert machen würde, in große Produktionsanlagen zu investieren. Nebenbei könnte eine solche Regelung auch die Fischproduktion nachhaltiger gestalten, da die Fischfutterproduktion sehr viel Energie verbraucht“, erklärt Jörg Ullmann. In einer Sache ist er sich sicher. „Beim Thema Algen stehen wir am Anfang. Wenn man bedenkt, dass zwei Drittel der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt sind, dann ist das ungenutzte Ackerfläche. Eigentlich fängt die Menschheit mit der Algennutzung gerade erst an.“

 

Autor: Friedemann Kahl

 

Echtzeit Sachsen-Anhalt

 

www.algomed.de


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