Wer kann meinen Betrieb übernehmen?

„Auch wenn die meisten das Wort ,Demografiewandel‘ kaum noch hören können – unsere Gesellschaft steckt mittendrin, und wir können die Auswirkungen der sich ändernden Altersstruktur längst nicht mehr übersehen“, sagt Sven Horn. Er ist Geschäftsführer des Bereiches Industrie, Umwelt und Konjunktur in der Industrie- und Handelskammer Magdeburg. Von daher hat er tiefen Einblick in die Materie und knüpft sein Wissen auch in das landesweite „Netzwerk Unternehmensnachfolge Sachsen-Anhalt“ ein. Schließlich sähe die IHK ihre Aufgabe unter anderem darin, betont Horn, für den Erhalt eines gesunden Branchenmixes zu sorgen, der wiederrum ein wichtiger Standortfaktor sei.

Nach Angaben der IHK Magdeburg werden bis 2020 allein in ihrem Bereich knapp 900 Unternehmer und Gesellschafter das Rentenalter erreichen. Der Bedarf an Unternehmensnachfolgen steigt nach Schätzungen der IHK in diesem Zeitraum auf 264 pro Jahr. „Folgerichtig werden die Fachkräfte, die sich mit einer Gründungsidee an die IHK wenden, von uns auch für den Gedanken sensibilisiert, eventuell einen bestehenden Betrieb zu übernehmen“, verweist Horn auf die Motivierung von Existenzgründern, die möglicherweise von selbst noch gar nicht auf diese Idee gekommen sind. In dieser Hinsicht würden die Betriebseigner von sich aus noch zu spät aktiv werden, sagt Horn und dass dies auch seine Gründe habe: „Neben der Angst vor dem Loslassen vom Lebenswerk befürchten viele mit der offiziellen Äußerung von Übergabegedanken einen Wettbewerbsnachteil auf dem heiß umkämpften Markt. Da übernimmt unser 2007 gegründetes ,Netzwerk Unternehmensnachfolge‘ auch die Aufgabe einer anonymen Partner-Vermittlungsbörse – vor Ort und auch im Internet: Die bundesweite Nachfolgebörse nexxt-change wird von den Kammern im Land mitgetragen und mitbetreut.“ (www.nexxt-change.org).

„Die Erwerbsbiografien innerhalb einer Familie haben sich seit der Wiedervereinigung Deutschlands grundlegend geändert“, Sven Horn blickt in eine Zeit zurück, da war es (strukturbedingt hauptsächlich im Westen) noch ein ungeschriebenes Gesetz, dass Sohn oder Tochter in den Familienbetrieb einsteigen. Heute wählen die Kinder ganz selbstbewusst den Weg, der zu ihrer eigenen Lebensplanung passt.“ Und: Inzwischen stehen den immer weniger werdenden Fachkräften attraktive und risikoärmere Stellenangebote zur Verfügung.

In Sachsen-Anhalt wurde das Nachfolge-Problem Mitte des vorigen Jahrzehnts offensichtlich. „Vor allem die Chefs der kleinen und mittleren Unternehmen haben weder Zeit noch Manpower, sich um die Nachfolge zu kümmern“, sagt Horn und dass es bis 2006 in Sachsen-Anhalt ein von EU und Land gefördertes Versuchsprojekt für „Firmen mit Übernahmeperspektiven“ gab. Die Betriebe wurden in ihrem Prozess begleitet, ihre inneren Strukturen so zu ordnen und zu regeln, dass sie attraktiv sein können für potenzielle Nachfolger.

Nach dem Auslaufen des Förderprojektes wollten die Handwerkskammern und Industrie- und Handelskammern den erfolgreichen Ansatz der Nachfolgefindung nicht verpuffen lassen. Um die nächsten Schritte auf dem eingeschlagenen Weg zu gehen, unterstützten sie unter anderem den „Nachfolger Club Sachsen-Anhalt“, der für zwei Jahre vom Land finanziert wurde.

„Man kann es bedauern, muss aber trotzdem der Tatsache ins Auge blicken, dass sich das Nachfolge-Problem nicht nachhaltig lösen lässt, da es unter den speziellen demografischen  Bedingungen immer wieder nachwächst“, sagt Horn.
Die unternehmerische Nachfolgesuche wird nun vom „Netzwerk Unternehmensnachfolge Sachsen-Anhalt“ weiter begleitet. Dazu haben die vier Kammern des Landes 2009 eine Kooperation vereinbart. In das Netzwerk eingebunden sind Experten zu den spezifischen Beratungsinhalten: Institutionen, die auf dem Feld der Existenzgründung tätig sind, Steuerberater, Rechtsanwälte, die Investitionsbank, die Bürgschaftsbank.
„Wir wollen auch die Geschäftsbanken für unser Netzwerk gewinnen. Denn wenn ab einem bestimmten Alter der Firmeninhaber seine Nachfolge nicht geregelt hat, wirkt sich das auch auf seine Kreditwürdigkeit aus“, verweist Horn auf einen ganz wesentlichen Aspekt der Nachfolgesuche.

Die allerdings sollte der Chef nicht erst mit einem gewissen Alter betreiben, wenn ihm der Erhalt von Betrieb, Arbeitsplätzen und Kunden wichtig ist. „Unfall, Krankheit, Tod – es gibt zig Gründe, warum eine Firma von heute auf morgen vor der Schließung steht, die man durch kluge Vorsorge vermeiden kann“, appelliert Horn, sich an das Beraternetzwerk zu wenden.

Als Vertreter des Netzwerkpartners IHK wird Sven Horn auch auf der „Hierbleiben-Messe“ am 22. November im Magdeburger Kulturwerk Fichte Ausschau halten nach möglichen „Nachfolgern“. Er weiß: „Die können in ganz unterschiedlichen Lebensphasen interessiert sein. Wenn einerseits die Lebens- und Berufserfahrung gewachsen, andererseits die Verpflichtungen den Kindern gegenüber kleiner geworden sind, suchen manche den Weg in die Selbständigkeit.“ Aktuell beobachte er den Trend, dass sich Unternehmen strategisch erweitern und Betriebe dazu kaufen wollen.

„In jedem Fall“, betont Horn, „ist die Entscheidung für die Gründung oder die Übernahme eines Betriebes hier in Sachsen-Anhalt auch eine Herzens-Entscheidung für die Region, für dieses Land.“

BU: Bei der öko-control GmbH in Schönebeck wird die Übergabe der Geschäftsführung gut vorbereitet. Mit Hilfe des „Netzwerkes Unternehmensnachfolge Sachsen-Anhalt“ gehen die Geschäftsführer Sigurd Kliese, Wolf-Michael Feldbach und Hans Jürgen Stark (v.r.) gemeinsam mit Nachfolger Thomas Friedrich diesen Weg gemeinsamen. Ihr engster Begleiter ist ego-Pilot Dirk Schaffranke (l.), ein Netzwerkpartner.


Autorin: Kathrain Graubaum (Text/Foto)

Kontakt:
Sven Horn
IHK-Geschäftsbereich Industrie, Umwelt, Konjunktur
Alter Markt 8
39104 Magdeburg
Tel.: +49 391 5693150
E-Mail: horn.ignore@magdeburg.ihk.de
Web: www.magdeburg.ihk.de

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