Protein-Forschung und Industrie sind in Halle eng mit einander verbundene Nachbarn

Die Proteinforschung ragt in Sachsen-Anhalt aus der Wissenschaftslandschaft heraus. Sie nimmt eine Sonderstellung ein. Obwohl die Landesregierung beschlossen hat, bis zum Vorliegen eines neuen Hochschulplanungskonzeptes keine größeren Neubauten in Angriff zu nehmen, macht sie eine Ausnahme. Das künftige Proteinforschungszentrum ist von der Neubausperre ausgenommen. Im Jahr 2016 soll der Neubau an der Martin-Luther-Universität fertiggestellt sein. Die Kosten teilen sich Bund und Land, das damit 17 Millionen Euro übernimmt Für diese Ausnahme gibt es gute Gründe, sagt Milton T. Stubbs, Professor am Institut für Biochemie und Biotechnologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Nach seinen Worten ist Halle ein bedeutendes Zentrum der Proteinforschung. Besonders die Verbindung von akademischer und industrieller Forschung sei so eng mit einander verzahnt wie nur an wenig anderen Standorten in Europa. Dafür spricht eine lange Tradition, die vor Jahrzehnten von den Professoren Alfred Schellenberger und Gunter Fischer begründet wurde. Daran ist Mitte der 1990er Jahre von Prof. Rainer Rudolph nahtlos angeknüpft worden. „Rudolph hat über die notwendigen Erfahrungen und Netzwerke verfügt, um die Proteinforschung an die Industrie heranzuführen. So hat er unter anderem das Proteinkompetenznetzwerk ProNet-T³ initiiert und in Halle das Unternehmen Scil Proteins GmbH mitgegründet“, berichtet Dr. Ulrike Fiedler, die dieses Unternehmen seit 13 Jahren führt.

 Dass der Standort Halle heute über viel nationale und internationale Reputation in der Proteinforschung verfügt führen Stubbs und Fiedler auf drei Faktoren zurück. Das sei zunächst die überaus enge Verbindung von Universität und Industrie, hebt Fiedler hervor. Viele Probleme, vor denen Unternehmen ständen, würden an der Universität gelöst. So sei die für ihr Unternehmen bedeutende Affilin-Technologie an der Universität entwickelt worden. Sie sei patentiert und dann von der Scil Proteins GmbH übernommen worden. Als weiteren Standortvorteil nennt Fiedler, die an der halleschen Universität Biochemie studiert und dort promoviert hat, die Mitarbeiter, die an der Universität ausgebildet werden und über die notwendigen Kompetenzen verfügen. Und schließlich gäbe es eine intensive Unterstützung durch das Land, heben Fiedler und Stubbs hervor. Es sei manches Mal für die Proteinforschung ins Risiko gegangen. „Das machen nicht alle in dieser Republik“, sagt die 44-Jährige Scil-Proteins-Geschäftsführerin. Sie führt zwei Gesellschaften. Die Scil Proteins GmbH ist nach ihren Worten eine international sehr angesehene Forschungsfirma, die mit ihrer hoch innovativen Affilin Technologie die Pharmaindustrie bei neuen Produktentwicklungen unterstützt. Die Schwesterfirma Scil Proteins Production Gmbh produziert Proteine als Wirkstoffe für Medikamente und Impfstoffe für europäische, amerikanische, brasilianische und japanische Unternehmen. Sie besitzt die Zulassung der Europäischen Arzneimittel-Agentur  EMA. Diese erlaubt es dem Unternehmen, den Wirkstoff Reteplase, der bei akutem Herzinfarkt eingesetzt wird, für alle Länder Europas herzustellen. Im vergangenen Jahr gab es zudem eine erfolgreiche Inspektion durch die amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA, damit Scil Proteins Production auch für den amerikanischen Markt produzieren kann. „In Deutschland und Europa gibt es nicht viele Firmen, die diese Stempel besitzen“, hebt Fiedler hervor.

Eine ähnlich enge Zusammenarbeit wie mit der Scil Proteins GmbH gibt es nach Stubbs Worten mit der halleschen Probiodrug AG, mit dem französischen Unternehmen Sanofi-Aventis, dem schweizerischen Konzern Roche und der dänischen Pharmafirma Novo Nordisk. Der in den USA geborene und in Großbritannien aufgewachsene heute 51-jährige Wissenschaftler hat in Oxford studiert und promoviert. In München, Stockholm und Marburg hat er gearbeitet bevor er vor elf Jahren nach Halle berufen wurde. Das zeige, dass der WeinbergCampus, wo Universitätsinstitute und Industrieunternehmen direkte Nachbarn sind, über internationale Anziehungskraft verfügt, erklärt Fiedler. Der Wissenschaftler und die Industriemanagerin sitzen häufig zusammen, um über gemeinsame Projekte zu beraten. Eines davon ist die „Halle Conference on Recombinant Protein Production“. Sie hat bereits vier Mal stattgefunden und wird gemeinsam von der Universität, der Scil Proteins GmbH als Industrievertreter und zukünftig auch mit der Rainer Rudolph Stiftung organisiert. Zu je der Hälfte kommen die Redner aus der Wissenschaft und der Industrie. Dieses Verhältnis sei für wissenschaftliche Veranstaltungen selten, erklärt Stubbs. Teilnehmer kämen aus der ganzen Welt. Studenten böte sich die seltene Möglichkeit, unentgeltlich mit Industrievertretern zusammenzutreffen und sich vorzustellen. Neben der Scil Proteins GmbH unterstützen auch die die Universität, die Stadt Halle die Bio-Mitteldeutschland GmbH, die halleschen Biotech-Unternehmen Probiodrug und Icon Genetics, die Schweizer Pharmafirmen Roche und Novartis, das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim, die US-Firma GE Healthcare, das japanische Unternehmen Ajinomoto,  der deutsche Gesundheitskonzern Fresenius Kabi und das dänische Pharmaunternehmen Novo Nordisk die inzwischen schon traditionelle, einzig über Sponsoren finanzierte Veranstaltung, die im kommenden Jahr ihre 5. Auflage erleben wird.

Zum exzellenten Ruf der Proteinforschung in Halle dürfte auch das dort initiierte Netzwerk ProNet-T³, eine von 17 in den Neuen Ländern geförderte Maßnahme im Bereich Spitzenforschung, beitragen. In ihm arbeiten Wissenschaftlern der Uni Halle mit ihren Partnern an 24 Themen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) stellt seit 2010 dafür insgesamt elf Millionen Euro bereit.

Kooperiert wird mit 39 Forschungseinrichtungen und 15 Unternehmen in Deutschland und der Welt. Im Netzwerk arbeiten 83 Wissenschaftler zusammen. Sie haben zum Beispiel Krankheiten wie Krebs, Alzheimer und Parkinson im Blick. Mit der Gründung dieses Netzwerkes ist der Forschungsstandort Halle als Zentrum der Proteinwissenschaften weiter ausgebaut worden, erklärt Stubbs. „Die angewandte Proteinforschung wird gestärkt und das Industrieengagement in der Region gesteigert.“ Durch Bündelung der Kompetenzen der halleschen Universität, der Max-Planck-Forschungsstelle für Enzymologie der Proteinfaltung und des Leibniz-Instituts für Pflanzenbiochemie wurde in Halle ein national und international sichtbares Netzwerk geschaffen. Die Qualität des ProNet-T3-Netzwerks wird zusätzlich dadurch erhöht, dass der Standort Halle eine Partnerschaft mit dem Center for Integrated Protein Sciences München (CIPS-M) eingegangen ist.

Als weiteres herausragendes Projekt nennt Stubbs das vom BMBF geförderte Projekt „ZIK HALOmem“, das die Struktur von Membranproteinen aufklären soll. Damit werde eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung neuer Medikamente geschaffen, so Stubbs. Neben einem Protein-orientierten Graduiertenkolleg „Conformational Transitions in Macromolecular Interactions“ beteiligt sich die Uni Halle zudem mit dem Projekt „Vakzinova“ an der Gründeroffensive „Go-Bio“ des BMBF. In ihm geht es um die Gewinnung neuer Veterinärimpfstoffe und die entsprechende Initialförderung, die helfen soll, Firmen zu gründen.

Stubbs und Fiedler sind sich einig, dass das 2016 startende Forschungszentrum am halleschen Weinbergweg der Proteinforschung einen weiteren Schub geben wird. Dort sollen die verschiedenen Arbeitsgruppen des proteinbiochemischen Forschungsschwerpunktes mit den zellbiologischen und medizinischen Gruppen zusammengeführt werden. „Dann arbeiten die Proteinforscher alle unter einem Dach“, blickt Stubbs voraus.

Kontakt:
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Fachbereich Biochemie/Biotechnologie
Institut für Biotechnologie
Prof. Dr. Milton T. Stubbs
Kurt-Mothes-Straße 3
06120 Halle (Saale)
Tel.: +49 345 5524901
E-Mail: stubbs@biochemie.uni-halle.de
Web: www.biochemtech.uni-halle.de/xray

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