Behälterglashersteller HNG Global in Gardelegen zeigt unter indischem Investor glasklare Erfolge

Das modernste europäische Behälterglaswerk HNG Global GmbH in Gardelegen will in den nächsten zwei Jahren seine Kapazitäten deutlich ausbauen. Die hochwertigen Rohstoffe kommen aus Sachsen-Anhalt und sorgen für eine besonders feine Qualität der Weißglasflaschen. Für den indischen Eigentümer ist es der erste Unternehmensstandort in Europa.

Das „Heiße Ende“ ist der lautstarke Anfang auf dem Weg des Glases. Mit 100 Dezibel (dBA) vibrieren die Maschinen und machen Ohrenstöpsel zur Pflicht. „Verglichen mit älteren Glaswerken ist es hier leise“, versichert Jens Sürig, Produktionsleiter beim Behälterglashersteller HNG Global in Gardelegen. Etwa fünf Meter hoch über dem Hallenboden steht die 30 Meter lange Schmelzwanne, nach der die Branche den Beginn der Glasherstellung „Heißes Ende“ nennt. Gasbrenner befeuern das Gemenge aus Quarzsand, Soda, Kalk und Altglasscherben, bis es bei 1450 Grad Celsius erschmolzen wird. Täglich 330 Tonnen. Aus dem Tropfring fallen rotglühende Glastropfen, geschnitten und exakt portioniert, und tanzen in gleichmäßig rascher Abfolge Irrlichten ähnlich hinunter zu den drei Maschinen. Dort wird das Glas bis zur endgültigen Form gebracht, der verräterisch orange glühende Flaschenboden signalisiert immer noch bis zu 600 Grad.

Bis zum „Kalten Ende“ legen die Flaschen knapp 60  Meter auf der automatischen Fließstrecke zurück, dabei werden sie heruntergekühlt. Erst am Ende greift wieder der Mensch ein, bei der Qualitätskontrolle. Der Flaschenteppich hat jetzt 60 bis 80 Grad, wenn die mit Spezialhandschuhen geschützten Mitarbeiter die Flaschen auf verschiedenste Gütemerkmale überprüfen. Ihren kritischen Augen folgt eine Kontrolle mit Kamera und Lasertechnik, die in der Behälterglasindustrie ihresgleichen sucht.

Rund 300 Flaschen aus Weißglas gleiten jede Minute über die Bänder der einzelnen Maschinen, täglich werden  900.000 bis 1,3 Millionen Stück im Gewerbegebiet Ost II der altmärkischen Kleinstadt produziert: in 55 verschiedenen Formen  und Größen vom Apothekerfläschen über die Ketchupglasflasche bis zur Wodkaflasche. Die meisten füllt die Spirituosenindustrie ab. „Die ist vor allem in der Nordhälfte Deutschlands angesiedelt, und da sitzen wir mittendrin“, sagt Wolfram Seidensticker, Technischer Geschäftsführer bei HNG Global. Nordhäuser Doppelkorn zum Beispiel ist ein Großabnehmer, und verschiedene Wodka-Abfüller. Aber auch der Sekthersteller Rotkäppchen und kleinere Weingüter gehören zu den Kunden, außerdem Brauerein, Safthersteller und die Softgetränkeindustrie. Fast alles, was getrunken werden kann und nicht im Tetrapack oder in der PET-Flasche landet, passt in die Flaschen aus Gardelegen. Etwa 80 Prozent werden  nach den Designwünschen des jeweiligen Kunden hergestellt, und nach den Spirituosen gibt es jetzt auch beim Bier den Trend zum individuellen Design, weiß Vertriebsleiter Eric Heinemann. Der Rheinländer kommt aus der Glasbranche und hat genauso wie sein niedersächsischer Produktionskollege Sürig in Gardelegen neue Herausforderungen gesucht. 


Das modernste Behälterglaswerk Europas war der erste Glashüttenneubau auf dem Kontinent nach mehr als zwei Jahrzehnten, als es 2010 unter dem Namen Agenda Glas startete. Nach einem holprigen Anlauf mit zwischenzeitlicher Insolvenz hat das börsennotierte indische Familien-unternehmen Hindusthan National Glass Industries LTD (HNGIL) der Familie Somany das Werk im August 2011 mit allen  Mitarbeitern übernommen. HNGIL mit Stammsitz in Kalkutta hat 68 Prozent Marktanteil in Indien und besitzt dort elf Produktionsstandorte. Das Unternehmen wurde 1964 von C.K. Somany gegründet. Heute wird er von seinen Söhnen Sanjay Somany (CEO) und Mukul Somany (COF) unterstützt. Neben den Aktivitäten im Hohlglassektor gehören Handelsfirmen und Floatglaswerke zu den Standbeinen der Gruppe. Das Engagement in Deutschland ist das erste außerhalb des eigenen Landes. Der Standort Gardelegen wurde nicht nur gerettet, sondern mit unmittelbar folgenden Investitionen noch ausgebaut. In den nächsten zwei Jahren sollen die Kapazitäten deutlich erweitert werden, Geschäftsführer Seidensticker spricht von nochmals rund 40 bis 45 Millionen Euro Investitionen – seit der Gründung sind es 65 Millionen Euro. Zu den Plänen gehört der Bau einer zweiten Schmelzwanne. Die Jahresproduktionsmenge soll bis dahin von jetzt rund 100.000 Tonnen (300 Millionen Flaschen) auf etwa 143.000 Tonnen erhöht werden. In Deutschland werden jährlich gut vier Millionen Tonnen neues Behälterglas benötigt. HNG sieht auch eine wachsende Nachfrage aus dem Ausland. Bisher werden maximal zehn Prozent vornehmlich in die Niederlande und nach Skandinavien exportiert.

Seinen Optimismus für die Zukunft des Standorts begründet Seidensticker mit der hohen Qualität des Weißglases aus Gardelegen, „Es ist von Trinkglasqualität kaum unterscheidbar.“ Für den glasklaren Kristalleffekt, ungetrübt und ohne „Grünstich“, sorgt schon die Güte der Rohstoffe. Sie kommen aus Sachsen-Anhalt: die eisenarmen Sande mit 99,5 Prozent Quarzanteil aus Uhry und Weferlingen, das Soda aus Werken in Staßfurt und Bernburg sowie Kalk aus dem Harz. Die Umwelt schonend und Energie sparend ersetzen die Gardelegener Glashersteller inzwischen 45 Prozent der primären Rohstoffe durch aufbereitete Scherben von Abfüllern und Recyclingbetrieben.


Autorin: Ute Semkat

Kontakt:
HNG Global GmbH
Dr.-Kurt-Becker-Straße 1
39638 Gardelegen

Wolfram Seidensticker, Geschäftsführer
Tel.: +49 3907 7757815
Fax: +49 3907 77578715
E-Mail: w.seidensticker@hngglobal.net
Web: www.hngglobal.ne

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