Design auf der Suche nach neuen Wegen – Das Dessauer Modell an der Hochschule Anhalt

Nur wenige Schritte sind es vom Campus der Hochschule Anhalt in Dessau zum Bauhaus. Die räumliche Nähe prägt, ist Programm für den Fachbereich Design der 1993 gegründeten Bildungseinrichtung. Mit dem Welterbegebäude im Hintergrund tat man es sich vor fast 20 Jahren leicht, Neues zu wagen. "Von Anfang an ging es um ein innovatives Ausbildungskonzept", sagt Prof. Brigitte Hartwig. Design in seinen unterschiedlichen Facetten sollte ganzheitlich gesehen und gelehrt werden. Drei Plattformen bieten den Studenten eine Basis, um sich mit umfangreichem Wissen breite Fähigkeiten anzueignen.

Prof. Hartwig nennt die Schwerpunkte Kommunikationsdesign, Produktdesign und Mediendesign. Sie sollen trotz ihrer unterschiedlichen Ausrichtung zusammengeführt und durch eine breit angelegte Grundlagenausbildung interdisziplinär miteinander verknüpft werden. Mit dem "Dessauer Modell" gehe es um eine Art generalistischer Designausbildung. Darin sieht die Hochschullehrerin den Vorteil für die Ausbildung. So wie in Dessau funktioniere das in der ganzen Bundesrepublik nicht, zeigt sie sich sicher.

Für die rund 300 Studenten bringt das einen spürbaren Erfahrungsgewinn. Wer Grafikdesigner als Berufsziel hat, der kann und sollte sich mit Produktdesign beschäftigen. Für ihn gibt es die Möglichkeit, die neuesten Trends der elektronischen Medien kennen zu lernen. Ob er vielleicht einen Kurzfilm gestaltet oder einen Werbetrailer auf den Weg bringt, scheint da Nebensache. „Fitmachen für die Zukunft zählt“, sagt Prof. Hartwig. Kooperationsprojekte der drei Plattformen des Fachbereichs Design erleichtern es, den ganzheitlichen Blick zu finden.

Peter Weisbrich studiert im siebenten Semester. Sein Ziel, Grafikdesigner zu werden, hat er beibehalten. Ihn reizt vor allem, dass der Begriff Kommunikationsdesign am Standort Dessau sehr weit gedacht wird. Da entstünden ganz ungewöhnliche Projekte, berichtet der junge Mann. Ein Seminar "Homosexualität und Musik" habe ihn ein Semester lang beschäftigt. Diese Einbeziehung gesellschaftspolitischer Themen sei für ihn "ein Gewinn", erweitere den Horizont. Solche Themen betrachtet man nicht als puren Selbstzweck.

Die Seminarergebnisse sollen publiziert werden und in Kürze als Magazin erscheinen. Dabei spielt dann wieder unter anderem das grafische Können eine Rolle.

Wie sieht Weisbrich seine künftige Arbeit? " Ich möchte Konzepte entwickeln, organisatorisch etwas auf die Beine stellen ", sagt er. Durch die übergreifenden Angebote seiner Hochschule habe er dafür ein Faible entwickelt, seine Stärken gefunden. Schon während des Studiums gibt es eine Vielfalt an Möglichkeiten, sich auszuprobieren. Mit anderen Kommilitonen entstand so die Idee für "VorOrt". Auslöser dafür war die Kürzung der Mittel für den Kulturbereich in Dessau-Roßlau. Eine Bank stellte schließlich ein Ladenlokal in der Innenstadt nahe am Rathaus mietfrei zur Verfügung. Der Gedanke, diesen als Arbeitsraum für Studenten zu nutzen, musste verworfen werden. Stattdessen werden dort seit fast zwei Jahren Ausstellungen, Lesungen und anderes angeboten. Ein Ort für Debatten, Ausstellungen und Begegnungen entstand, eine Dependance der Hochschule im Herzen der Bauhausstadt. Dort wird ständig sichtbar, welche fach- und themenübergreifenden Projekte Studenten und Lehrer verwirklichen, wie sie am Leben teilhaben, sich einmischen wollen.

"Mit unserem Studienansatz reagieren wir stets auf aktuelle Entwicklungen. Gerade im Design gibt es ständig wechselnde und sich neu orientierende Lösungen. Alles ist im Fluss, darauf wollen wir unsere Studenten einstellen", sagt Prof. Brigitte Hartwig. Dass die jungen Leute den Kopf öffnen können, fit für den Beruf gemacht werden, hält sie für wichtig. Mit allen notwendigen Grundlagen ausgestattet könnten sie sehr frei agieren, sich ihren Platz im Kunstgeschehen suchen. Ein Beispiel für dieses Herangehen sei das Projekt "Vom Sattel in die Kissen". Dabei wurde untersucht, wie für Radler ein Hotel in einer alten Wäscherei entstehen könnte. Theoretische Vorarbeiten, Computervisualisierungen und Visionen flossen in die Vorhaben ein. Oder die Designerin berichtet von innovativen Lösungsansätzen für touristische Leitsysteme. Einfach im klassischen Sinn "ein paar Schilder aufstellen", sei der falsche Ansatz. Die Hochschule untersuchte für die Region, wo die Gäste mit welchen Verkehrsmitteln ankommen. Auf dieser Basis entstanden Konzepte, die nun auf eine Realisierung warten. Solche Überlegungen seien heute unverzichtbar, versichert Prof. Hartwig. Es gelte in Szenarien zu denken, Städte aktiv zu entwickeln. Erste Agenturen in Deutschland hätten diesen Gedanken aufgegriffen und eingefahrene Gleise verlassen.

Oft verbinde sich das Ganze inzwischen mit Social Design. Hartwig verweist auf Dessau als schrumpfende Stadt, die das Schicksal mit anderen Kommunen in den neuen Bundesländern teile. Demografische Ursachen sind ein Auslöser dieser Tendenz, die inzwischen auch erste westdeutsche Städte erreicht hat. Darauf sollten auch Designer reagieren, die in fachübergreifenden Kooperationen beispielsweise mit Architekten Visionen für den Umgang mit diesen Trends entwickeln sollen.

Der sechssemestrige Bachelor ist im Fachbereich Design der Hochschule Anhalt als "Integrierter Designstudiengang" konzipiert. Das bedeutet, dass die drei Bereiche Kommunikationsdesign (2D), Produktdesign (3D) und Zeitbasierte Medien (4D) innerhalb eines Studiums angeboten werden. Durch die Integration lernen die Studenten grafische, typografische, formgestalterische, fotografische, filmische, auditive, interaktive und generell digitale und technologische Gestaltungsmittel in unterschiedlichen Medien einzusetzen, zu kombinieren und zu koordinieren.
Der Master-Studiengang Design richtet sich an diplomierte Jungdesigner und Bachelors aus gestalterischen Disziplinen. Sie sollen Synergien aus der integrierten Denk- und Arbeitsweise in komplexen Aufgabenstellungen nutzen, um zu neuen und ungewöhnlichen Lösungen zu kommen. Im internationalen Studiengang lernen in Dessau gegenwärtig 30 Frauen und Männer, unter anderem aus den USA, der Türkei, Libanon, Iran, Thailand, Australien, Brasilien, Venezuela, Argentinien, Pakistan, China, Griechenland, Japan, Korea und Georgien. Für sie ist das Bauhaus in der Muldestadt mit seinen Inspirationen eine Brücke mit weltweiter Bedeutung, die ihren Ausgangspunkt in Sachsen-Anhalt hat.


Autor/ Foto:
Klaus-Peter Voigt

Kontakt:
Hochschule Anhalt
Fachbereich Design
Schwabestraße 3
06818 Dessau-Roßlau
Ansprechpartner:
Prof. Brigitte Hartwig
Tel: 0340-5197-1735
E-Mail: b.hartwig.ignore@design.hs-anhalt.de
Web: www.design.hs-anhalt.de

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