Die OntoChem-Innovation „CytoPep“ ist Hoffnungsschimmer für Brustkrebspatientinnen

Arzneimittelforschung der Ontochem GmbH

Pioniere der Hallenser OntoChem gehen neue Wege bei der Wissensgewinnung für die Arzneimittelforschung

Die Wissenschaftler der kleinen Hallenser Firma OntoChem GmbH sind Pioniere auf ihrem Gebiet. „In Europa gibt es in diesem Bereich kein weiteres Unternehmen“, sagt Geschäftsführer Dr. habil. Lutz Weber. „Nur in den USA findet man ähnliches.“ Als er die Firma 2005 in Halle an der Saale zusammen mit Prof. Dr. Ludger A. Wessjohann vom dortigen Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie gründete, hatten beiden die innovative Idee, mit computerbasierten Methoden die Entwicklung neuer Wirkstoffe und Arzneimittel voranzutreiben. „Wir gehen bei der Wissensgewinnung für die Arzneimittelforschung neue Wege“, erläutert Lutz Weber.

In den zehn Jahren seit der Firmengründung ist in den Räumen im Technologiepark „Weinberg Campus“ viel passiert. Inzwischen haben die IT-Mitarbeiter eine spezialisierte Suchmaschine entwickelt, die die Eigenschaften von bestimmten Substanzen zusammenträgt. Dabei werden – sozusagen auf Knopfdruck – weltweit aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Büchern, Fachzeitschriften, Webseiten oder Beipackzetteln von Medikamenten Informationen zusammengetragen. Weber erklärt es an einem praktischen Beispiel: „Wenn jemand wissen möchte, was jemals über den in Aspirin enthaltenen Wirkstoff Acetylsalicylsäure geschrieben worden ist, tragen wir die Daten zusammen und werten sie anschließend statistisch aus.“

In der Praxis geht es vor allem um Naturstoffe: Pflanzen sind eine einzigartige und erneuerbare Quelle für die Entdeckung potenzieller neuer Arzneistoffe. Fast 60 Prozent der westlichen Arzneimittel haben ihren Ursprung in pflanzlichen Inhaltsstoffen. Im Kampf gegen Krebs, Viren und andere Bedrohungen bietet die Natur ein großes, teilweise noch unerforschtes Arsenal an Wirkstoffen. „Es gibt zu Naturstoffen sehr viel Literatur, viele Daten. Aber nun geht es darum, diese zusammenzuführen, auszuwerten und die richtigen Schlussfolgerungen für deren Anwendung daraus zu ziehen“, erklärt Lutz Weber. Das IT-Know-how der Hallenser nutzen namhafte Konzerne aus der Chemie- und Pharmabranche darunter DSM, Beiersdorf und Novartis.

Doch die OntoChem-Recherchen finden nicht nur im Auftrag anderer Unternehmen statt, sondern führen auch zu eigenen Neuentwicklungen. Hoffnung für Krebspatienten verspricht etwa die OntoChem-Innovation „CytoPep“. Bei ihrer Arbeit sind die Wissenschaftler in einem Projekt mit der Universität Leipzig auf einen neuen Wirkstoff gestoßen, der in einigen Jahren im Kampf gegen eine besonders heimtückische Form des Brustkrebses eingesetzt werden kann – den sogenannten metastatischen oder auch „dreifach negativen“ Brustkrebs. Während sich durch die frühzeitige Erkennung und neue Behandlungsmethoden für viele Brustkrebs-Patientinnen die Chancen auf dauerhafte Heilung verbessert haben, gilt das jedoch nicht für diese Form der Erkrankung. „Für diese besonders aggressive Form gibt es bislang keine erfolgversprechende Therapie“, erklärt Lutz Weber. Die bisherigen Behandlungsmethoden, wie Chemotherapie und Antikörpertherapie, seien entweder mit gravierenden Nebenwirkungen verbunden oder nicht effizient genug.

„CytoPep“ basiert auf einem neuen Funktionsmechanismus, es setzt seinen Wirkstoff direkt in der Krebszelle frei. Dabei kommt ein sogenanntes Peptid zum Einsatz, das sich zielgerichtet an die metastatischen Krebszellen heftet und einen Wirkstoff einschleust, der die Zelle abtötet. Gesunde Zellen bleiben verschont. „Das soll den betroffenen Frauen helfen, sich besser zu fühlen und ihre Lebenszeit verlängern“, sagt Lutz Weber.

Doch bis aus dem Wirkstoff ein zugelassenes Medikament geworden sein wird, werden noch einige Jahre ins Land gehen. Denn die Regularien zur Zulassung sind streng – es ist ein langer und kostenintensiver Weg. Bis zu 20.000 Patientinnen müssen weltweit an Studien teilnehmen und über mehrere Jahre betreut werden, um die Wirksamkeit zu untersuchen. „Die klinische Entwicklung verursacht hohe Kosten. Man braucht Investoren oder geht den Weg über eine Auslizensierung“, sagt Lutz Weber. „Das heißt, man verkauft die Entwicklungs- und Vermarktungsrechte an dem Medikament.“ Im Mai hatte OntoChem einen britischen Lizenzpartner gefunden.

Für die Entwicklung des neuen Therapieansatzes mit „CytoPep“ wurde die OntoChem GmbH 2013 mit dem IQ Innovationspreis Mitteldeutschland ausgezeichnet. Doch auf den Lorbeeren ruhen sich die Mitarbeiter – es sind Biologen, Chemiker, Pharmazeuten, Computer-Linguisten und Informatiker – nicht aus. Zuletzt wurde im Haus an einer Creme getüftelt, um Cellulite zu behandeln. Das Kosmetikprodukt ist derzeit in der Prüfung und muss seine Wirksamkeit in mehrmonatigen Tests beweisen, damit aus der Idee ein marktreifes Produkt werden kann. „Ein Investor aus der Schweiz konnte dafür gewonnen werden“, freut sich Lutz Weber.

Weitere internationale Kontakte will er im Oktober auf der Pharmamesse „CPhl worldwide“  in Madrid knüpfen – OntoChem wird sich am Gemeinschaftsstand des Landes Sachsen-Anhalt präsentieren. Dort werde vor allem die REACH-Verordnung der Europäischen Union zum Transport von Chemikalien auf der Straße eine Rolle spielen, meint Weber. Diese Verordnung verpflichtet die Industrie, die Gefährlichkeit von chemischen Stoffen für Menschen und Umwelt zu untersuchen und die Substanzen entsprechend zu kennzeichnen. Es müssen Daten zur Toxizität, also Giftigkeit, vorgelegt werden, damit man einschätzen kann, wie gefährlich bestimmte Substanzen für den Menschen sind. „Wir können diese Daten automatisch generieren und einen Report erstellen. Dafür werden sich sicherlich einige Firmen auf der Messe in Madrid interessieren“, blickt Lutz Weber optimistisch voraus.

Autorin und Fotografin: Dana Toschner

vorheriger Beitrag nächster Beitrag