Wissenschaftstransfer macht Gesundheitswirtschaft in Sachsen-Anhalt fit

Die Gesundheitswirtschaft ist eine Wachstumsbranche. Eine immer älter werdende Bevölkerung benötigt mehr und qualifizierte medizinische Versorgung, das treibt die Entwicklung intelligenter Produkte und Dienstleistungen voran. Prof. Dr. Hans-Jochen Heinze, Direktor der Magdeburger Universitätsklinik für Neurologie, sieht Sachsen-Anhalt als möglichen Vorreiter eines neuen Versorgungskonzeptes für Demenzkranke.

Herr Professor Heinze, bitte geben Sie uns ein Beispiel, wie der Kostenfaktor Gesundheit als Wirtschaftszweig fit gemacht werden kann.

Prof. Heinze: Nehmen wir die demografische Verschiebung unserer Gesellschaft zu mehr alten Menschen. Wir müssen in den kommenden Jahren mit jährlich bis zu 10.000 Neuerkrankungen an Demenz rechnen, wobei die Pflege zunehmend zur Aufgabe des Staates wird. Das belastet die Volkswirtschaft extrem. Zudem brennt die Kerze an zwei Seiten, weil es immer weniger junge Leute gibt und viele aus Sachsen-Anhalt abwandern. Es besteht also extremer Handlungsbedarf. Deshalb entwickeln wir in Sachsen-Anhalt intelligente Strategien gegen die Demenz und schaffen zugleich mit einem neuen Versorgungskonzept Arbeitsplätze für junge Menschen. Dabei denken wir die ganze Kette von innovativen Diagnose- und Behandlungsmaßnahmen bis hin zu lokalen Therapiezentren und privaten Fitnesszentren.

Fitnesszentren gegen Demenz?

Prof. Heinze: Magdeburg ist ein Hauptstandort des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), wo an geeigneten Hirnstimulanzen geforscht wird, die den Krankheitsverlauf bei Demenz hinauszögern können. Dazu gehört auch, geeignete körperliche Trainingsmaßnahmen zu entwickeln. Dann könnten Fitnesszentren Patienten vor Ort nach den ärztlichen Therapievorgaben behandeln.

Sie haben maßgeblich die Gründung einer interministeriellen Arbeitsgruppe (IMAG) Gesundheitswirtschaft angeschoben. Wie ist das Fazit nach einem Jahr?

Prof. Heinze: Wir sind dabei, den Bereich Demenz beispielhaft für die Gesundheitswirtschaft in Sachsen-Anhalt zu entwickeln. Die Mitglieder der IMAG haben dazu aus ihren unterschiedlichen Bereichen viele gute Ideen eingebracht. Das Thema Demenz induziert zum Beispiel auch die Entwicklung neuer telemedizinische Verfahren mit dem Ziel, dass Demenzpatienten möglichst lange in ihrer häuslichen Autonomie leben können. Zurzeit testen wir an der Uniklinik die neurologische Fernüberwachung solcher Patienten über neue Elektroden-Headsets. Ein solches Home-Monitoring würde auch ermöglichen, die begrenzten Kapazitäten an Pflegekräften gezielt einzusetzen. Die Headsets, die von der US-Firma Nielsen entwickelt wurden, könnten hier auf Lizenzbasis hergestellt werden. 

Ein anderer Baustein sind Behandlungsansätze aus der Phytotherapie, für die wir in Sachsen-Anhalt ebenfalls hervorragende Kompetenzen haben: pflanzliche Wirkstoffextrakte oder damit angereicherte Diäten können die Gehirntätigkeit stimulieren helfen. Wir arbeiten also an einem durchgängigen innovativen Konzept für einen Bereich der Gesundheitswirtschaft.

Sie hatten von der anderen Seite der „Kerze“ gesprochen, den fehlenden jungen Arbeitskräften. Vor Pflegenotstand wird bereits überall gewarnt.

Prof. Heinze: Auch dieses Thema haben wir einbezogen. An der Universität Halle gibt es ein pflegewissenschaftliches Studium mit Bachelor- und Masterabschluss. Die Akademisierung des Pflegeberufes halten wir für sinnvoll und zunehmend wichtig, damit Pflegekräfte in Zukunft die Patienten selbstständiger versorgen können, selber entscheiden. Das wertet dieses Berufsbild auch auf.

In einer Studie der Nord/LB von 2011 wurde bemängelt, dass Sachsen-Anhalts Gesundheitswirtschaft kein eigenes Profil aufweise. Offenbar ist die interministerielle Arbeitsgruppe gerade dabei, das zu ändern.

Prof. Heinze: Die Studie hatte aufgezeigt, dass ein einigendes Ziel bisher fehlte. Dieses haben wir jetzt formuliert. Ich verweise aber auch darauf, dass wir sehr viel kreatives wissenschaftliches Potential im Land haben. Man muss es zusammenführen und die Ergebnisse in die Wirtschaft transferieren. Wie beim Forschungscampus „Stimulate“, der in Partnerschaft mit Siemens universitäre Forschung, Ingenieurwissenschaften und industrielle Fertigung in der bildgestützten minimal-invasiven Medizin verbinden wird. Magdeburg hat einen der acht vom Bund geförderten Forschungscampus-Standorte eingeworben – unter rund 90 Bewerbungen. Das zeugt doch von Exzellenz. Das Thema minimal-invasive Medizin fügt sich übrigens hervorragend ein, weil für viele alte Menschen ein großer operativer Eingriff nicht mehr geeignet ist.

Wie wird die Gesundheitswirtschaft von all diesen Aktivitäten profitieren?

Prof. Heinze: Wir können in Sachsen-Anhalt Vorzeigeprojekte entwickeln, wie die westlichen Gesellschaften wirtschaftlich sinnvoll und kreativ mit einer älter werdenden Gesellschaft umgehen. Mit einem innovativen Versorgungsansatz für demenzkranke Patienten könnten wir eine Alleinstellung erreichen. Eine optimierte und nach zentralen Standards ausgerichtete Diagnostik sowie geeignete Therapiemöglichkeiten könnten wir dann auch anderen Ländern zur Verfügung stellen. Da sehe ich Wachstumschancen und auch für die Medizintechnik interessante Möglichkeiten für die Entwicklung und Herstellung neuer Geräte.

Über welche Zeiträume sprechen wir?

Prof. Heinze: Im Oktober legen wir unsere Liste dem Landeskabinett vor, und im nächsten Jahr wollen wir uns um EU-Mittel bewerben. Die Forschungsstudie zur neurologischen Fernüberwachung könnten wir bis Ende dieses Jahres abschließen. Die Umsetzung in die Praxis wollen wir dann schnell angehen. 

Danke für das Gespräch!
Interview: Ute Semkat

Interviewpartner Prof. Dr. Hans-Jochen Heinze, Jahrgang 1953, ist Direktor der Klinik für Neurologie an der Magdeburger Universität Otto von Guericke und Direktor der Abteilung Verhaltensneurologie des Leibniz-Instituts für Neurobiologie.

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