Ob maßgeschneiderte Software, IT-Sicherheit oder KI – kaum eine Branche kann heute oder morgen auf IT-basierte Technologien verzichten. Die IKT-Branche in Sachsen-Anhalt treibt seit Jahren Innovationen voran und ist zum Herzstück der digitalen Transformation von Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft geworden. Sachsen-Anhalts IKT-Spezialisten kennen die Passwörter für Ihre Ideen – und öffnen Türen in die Zukunft.
IKT in Sachsen-Anhalt: Wo digitale Innovationen entstehen
DIGITAL DIENSTAG – Die Köpfe, die die digitale Zukunft vorantreiben
Jeden 3. Dienstag im Monat werfen wir einen exklusiven Blick hinter die Kulissen der IKT-Wirtschaft in Sachsen-Anhalt. In unserer Interviewreihe Digital Dienstag sprechen wir mit spannenden Unternehmen, visionären Köpfen und echten Machern aus der Region.
Wann? Jeden 3. Dienstag im Monat
Wie? Hier und über unseren Social Media Kanälen!
Freuen Sie sich auf persönliche Einblicke, ehrliche Geschichten und digitale Innovationen made in Sachsen-Anhalt.
5 Fragen an ...

Weitere Interviews
Hier finden Sie weitere Unternehmensgeschichten, die spannende Impulse geben!
Interview mit Dirk Jennerjahn - Geschäftsführer der j&s-soft AG
j&s soft ist eine IT-Unternehmensberatung spezialisiert auf SAP, AI und digitale Identitäten. Sie beraten, integrieren und entwickeln. Was ist Ihre größte Stärke?
Auch auf die Gefahr hin, dass das vorhersehbar klingt, aber unsere größte Stärke ist ganz klar unser Team. Wir haben ein großes Team hochqualifizierter Mitarbeiter und eine extrem hohe Akademikerquote. Die meisten unserer Kolleginnen und Kollegen haben einen Masterabschluss oder höher. Dabei zeichnet uns ein sehr hoher Anspruch aus, konstant qualitativ hochwertige Beratungsleistungen im IT- und Technologiebereich anzubieten. Seit unserer Gründung im Jahr 2003 hatten wir den Anspruch eine besonders herausragende technologische Expertise und entsprechend auch immer sehr hochkarätig ausgebildete Fachkräfte im Haus zu haben.
Wir haben uns 2024 von einer GmbH in eine AG umfirmiert und in diesem Kontext auch interne Strukturen verbessert – aktuell umfasst unser Unternehmen drei Business Units: eine SAP Unit, eine Wallets Unit und die AI Unit. So haben wir uns beispielsweise schon bevor der aktuelle AI-Hype überhaupt losging, mit Research-Themen im Bereich Machine Learning beschäftigt. Wir haben innerhalb der AI-Unit deshalb ein wahnsinnig breites Know-How und können da eine wirklich breitgefächerte Beratung anbieten. Mit der Unit sind wir im Moment in einem Forschungsprojekt mit dem Namen VERO aktiv. Da haben wir unter anderem das Universitätsklinikum Bonn als Kooperationspartner und forschen an Lösungsmöglichkeiten für die Verifikation von Gesundheitsinformationen im Bereich der Kinderkardiologie, wobei wir im Projekt den KI-Part abdecken. Dabei verwenden wir die Methodik RAG, also Retrieval Augmented Generation. Das ist ein Bereich in der KI, der uns hilft, die Aussagen einer KI zu verifizieren. Wir wissen ja alle, dass eine KI die Angewohnheit hat, zu halluzinieren. :D Letztlich wollen wir damit Ärzten, aber auch den Eltern der betroffenen Kinder bei der Diagnostik helfen.
2022 haben Sie enmeshed, eine Walletlösung für Zeugnisse und andere sensible Dokumente, als Open-Source Angebot veröffentlicht. Was macht diese Lösung so besonders?
Genau, wir haben damals eine Plattform-Lösung entwickelt, die einfach gesprochen Kommunikationspartner mit einer Ende-zu-Ende verschlüsselten Datenleitung verbindet. Das Ganze hat in unserem Fall nichts mit Kryptowährung oder Ähnlichem zu tun, sondern mit der Verarbeitung von Daten. Auf der einen Seite der Datenleitung steht in der Regel ein Individuum, ein Mensch, der für die Kommunikation über die Datenleitung eine Wallet-App verwendet - hierzu muss man auch sagen, dass wir grundsätzlich immer personenzentral arbeiten. Auf der anderen Seite der Kommunikation steht dann oft eine Firma, eine Verwaltung oder eine Organisation, die an diese Datenleitung mithilfe von einem sogenannten Business-Connector von uns angebunden wird. Das Geniale daran ist, dass das Ganze so transparent funktioniert, dass wir quasi beliebige Kommunikationspartner miteinander verbinden können. Unsere Technologie ermöglicht es im Umkehrschluss, dass vor allem im Föderalismus und in der öffentlichen Verwaltung mit den gegebenen heterogenen Systemlandschaften, sämtliche Verwaltungsprozesse eben doch einheitlich über unsere Wallet-Lösung betreut werden können!
Die Lösung ist DSGVO konform und komplett Ende-zu-Ende verschlüsselt. Ein ganz wichtiger Unterschied zu Mitbewerbern ist, dass wir uns damals zwar mit Blockchain-Technologien beschäftigt haben, uns aber vor allem aufgrund der Datenschutzproblematik für eine sich dezentral verhaltende, aber architektonisch zentrale Software entschieden und diese aufgebaut haben. Deswegen bietet die Software eben die Besonderheit der bidirektionalen Kommunikation zwischen den Kommunikationspartnern, die komplett sicher ist.
Wir haben in dem Zusammenhang auch SAP angebunden, genauer SAP S/4HANA. Damit bilden wir aktuell etwas ab, das gerade wieder extrem nachgefragt wird, nämlich eine Anbindung zum Versand des Gehaltsnachweises und weiterer Dokumente. Stand jetzt ist es so, dass erstaunlicherweise auch die großen Firmen des Landes zum Teil noch 20-25% der Gehaltsnachweise per klassischer Post verschicken, was unglaublich teuer ist. Die sparen durch unsere Entwicklung bis zu 80% der Kosten, was natürlich ein großer Vorteil ist und der Arbeitnehmer profitiert letztlich auch von der Innovation daran - wenn man seine Daten direkt digital auf die eigenen Endgeräte zugeschickt bekommt. Ein anderes Beispiel wäre das Thema Sozialpässe. Es gibt in ganz vielen Städten Sozialpässe, die zum Beispiel kostengünstigeren Eintritt in Schwimmbäder und Ähnliches erlauben. Das ist eine ganz tolle Sache - und die können wir mit unserer Lösung alle digitalisieren.
Das große Leuchtturmprojekt in diesem Zusammenhang ist aber natürlich die Beauftragung vom Bund im Rahmen der „Digitalisierung der Bildung“, wo wir bundesweit ja extremen Nachholbedarf hatten und haben. Da ging es unter anderem um die Digitalisierung der Bildungsnachweise in Form von Zeugnissen. Unsere Lösung ermöglicht schließlich eine Kommunikation, in der digitale Zeugnisse zugestellt, aufbewahrt und ausgetauscht werden können. Eigentlich geht es immer darum, bei der Verarbeitung sensibler Daten eine rechtskonforme, sichere Kommunikation übers Netz zu ermöglichen.
Warum Informatik? Was begeistert Sie an dem Bereich am meisten?
Zuerst muss ich sagen, dass ich eigentlich kein Informatiker bin :D
Ich habe damals am Ende der Schulzeit, also im Jahr 1989, angefangen Rechner zusammenzubauen und das ging auch während des Studiums so weiter. Das lief aber immer nebenbei, als privates Interesse und nie als Fokus. Als HiWi habe ich dann alle möglichen IT-Jobs gemacht und hatte schließlich, weil ein Nachbar mich darauf aufmerksam gemacht hatte, einen Studentenjob bei SAP. Dort habe ich im Bereich SAP-Technologie gelernt und bin über große Zufälle schnell in ein großes Projekt, nämlich die SAP-Einführung in Baden-Württemberg, reingerutscht. Da konnte ich als kleiner Freiberufler und Einzelkämpfer mein erstes großes Projekt umsetzen. Kurz danach habe ich dann die GmbH gegründet und alles ging weiter.
Ich hatte einfach schon immer Spaß daran kreative Lösungen für verschiedenste Herausforderungen zu finden.
Die j&s soft AG besteht seit über 20 Jahren. Was würden Sie sich selbst raten, wenn Sie in der Zeit zur Gründung des Unternehmens zurückreisen könnten? Worauf sollten Sie sich einstellen?
Am Anfang hatte ich eine starke Tendenz zum Mikromanagement, die ich heute als meinen größten Fehler benennen würde. Ich wollte überall mit dabei sein und mir fiel es schwer, Dinge wirklich abzugeben. Es hat lange gedauert das abzulegen und heute würde ich meinem „jüngerem Ich“ raten, die Sachen etwas früher „abzugeben“.
Im Vergleich dazu, gibt es heute bei uns kaum noch Kontrollmechanismen im Unternehmen, weil eine große „Aura des Vertrauens“ vorherrscht. Es gibt keine festen Arbeitszeiten oder strikte Hierarchien, deswegen gibt’s auch kein klassisches Mikromanagement mehr. Auch wenn wir natürlich in den Positionen, auch in der Geschäftsführung, unsere festen Aufgaben und Verpflichtungen haben. Ein großes Learning für mich, aber auch für das ganze Unternehmen war, sich bewusst Zeit für strategisches Denken einzuräumen! Trotz stressigem Alltagsgeschäft und allem, was damit einhergeht. Der kurze Erfolg ist eine Sache, aber die langfristige Entwicklung eine ganz andere – deswegen würde ich jedem Unternehmer und jeder Unternehmerin empfehlen, sich bewusst Zeit für die strategische Planung zu nehmen und sich zu fragen, auf welche Themen, man sich wirklich fokussieren möchte. Das ist enorm wichtig.
Wenn ich jetzt aber so zurückblicke, muss ich sagen, dass die wahnsinnig positive Entwicklung unserer unternehmerischen Reise anfangs reiner Zufall war. :D Bei der Gründung habe ich salopp gesprochen „alles falsch gemacht, was man falsch machen kann“. Ich hatte damals keinen Business Plan oder eine Wachstumsstrategie und kaum betriebswirtschaftliche Kenntnisse, das kam alles aus dem Tun heraus und war ganz ungeplant. Wir hatten einfach ein so starkes Interesse an den Themen, die wir umsetzen wollten, das war damals das Wesentliche. Bedeutete natürlich für uns, dass wir viele Sachen währenddessen und im Nachhinein lernen mussten. Im Rückblick sollte es aber wohl genauso laufen.
Was schätzen Sie an Sachsen-Anhalt am meisten?
Ich selbst wohne in Heidelberg und auch unsere Zentrale ist dort verortet. Bevor wir nach Magdeburg kamen, haben wir eine klassische Standortanalyse anfertigen lassen. Wir hatten damals vor allem auch Dresden und Leipzig im Blick – die Analyse war aber ganz eindeutig: Magdeburg. Auch privat gab es viele Hinweise, unter anderem galt Magdeburg damals als kommende IT Metropole.
Außerdem hatten wir ziemlich früh Kontakt zur OVGU aufbauen können, die unter anderem das SAP UCC hat – das SAP University Competence Center. Das ist wirklich etwas Außergewöhnliches und damit war dann natürlich auch die direkte Verbindung zu sehr gut ausgebildeten Fachkräften gegeben – sowohl über die Uni als auch über das Rückkehrernetzwerk. Heute sind wir wirklich glücklich mit unserem Büro im Katharinenturm – auch wenn wir und unsere Mitarbeiter viel auf Remotearbeit setzen. (:
Ich persönlich bin außerdem großer Fan von Städten am Fluss und ich finde die Elbe wunderschön. Wenn ich in der Stadt bin, gehe ich gern am Ufer spazieren. Der finale Punkt ist aber auch einfach der Kontakt zur Wirtschaftsförderung, der für mich auch ganz neu war. Die Unterstützung, die wir vom Land und auch der IMG erhalten haben, war wirklich auch ausschlaggebend für die Standortentscheidung. 😊


byte robotics hat eine KI-basierte Software entwickelt, mit der komplexe Roboteranwendungen automatisiert programmiert werden können. Diese wird in bestehende Umgebungen integriert und sorgt dafür, dass automatisiert schnelle und fehlerfreie Bewegungsabläufe erstellt werden können. Was ist eure größte Stärke?
Tatsächlich, das klingt vielleicht ein bisschen platt, aber dass es funktioniert. Obwohl es ein sehr grundlegendes Problem der Industrie löst, ist es ein sehr nischiges Thema: wie programmiert man einen Industrieroboter. Wenn man in Videos Fabrikhallen sieht, in denen viele Roboter schön orchestriert Autos zusammenschweißen, dann denken wir immer alle: „Die Zukunft ist da, alle Probleme sind gelöst, da steht es ja!“ Aber was keiner sieht, ist die ganze Arbeit, die dahintersteckt, diese ganzen Personenjahre an Zeit, die aufgewendet wurden, um diese Roboter händisch zu programmieren, diese ganzen Abläufe miteinander zu koordinieren. Das ist so ein großer Aufwand, dass die meisten Unternehmen sich das überhaupt nicht leisten können, wenn die sich nicht gerade in der Massenproduktion bewegen. Wenn man zum Beispiel Auftragsfertiger ist oder man Losgrößen von nicht 30.000 hat, sondern vielleicht nur 100 oder 50 oder im Prototypenbau nur eine Auftragsgröße von eins. Dann ist man bei Industrierobotern eigentlich nur noch damit beschäftigt, die zu programmieren, damit sie den Auftrag erledigen. Wir kennen Firmen, die produzieren zwei Tage, programmieren drei, produzieren wieder zwei, programmieren wieder drei – immer wieder von vorne, immer im gleichen Kreis. Man automatisiert ja nicht nur, damit es kein Mensch macht, sondern auch, weil man eine sehr gute und gleichbleibende Qualität mit Robotern erreichen kann. Und wenn die Qualität notwendig ist, dann entstehen tatsächlich solche Konstrukte. Das ist nicht wirtschaftlich. Wir denken aber, Industrieroboter gehören in jedes Unternehmen, um die Leute bei den Fertigungsprozessen zu unterstützen, die überall entstehen und vorhanden sind. Wenn man eine Anlage entwickelt, hat man ganz viele ingenieurstechnische Probleme, die man auflösen muss – zum Beispiel: Wo steht der Roboter? Ist er vielleicht effizienter, wenn ich ihn an der Decke montiere oder wenn ich die Zuführvorrichtung auf die andere Seite stelle? Wenn man jedes Mal stundenlang programmieren muss, um diesen Roboter zum Laufen zu kriegen, um herauszufinden, ob die Anlage überhaupt das Teil herstellen kann, was man möchte, dann bekommt man auch keine guten Automationsanlagen. Mit unserer Software kann man genau das schnell testen. Wenn du erst in der Anlage feststellst, dass der Roboter überhaupt nicht dahin kommt, wo du es vorgesehen hast, dann ist das sehr, sehr schlecht und vor allem sehr, sehr teuer. Sowohl für den Kunden als auch den Automatisierer.
Seit eurer Gründung im vergangenen Jahr ist sehr viel passiert. Ihr habt u. a. eure Seed-Finanzierungsrunde mit bmp Ventures abgeschlossen und beide Preise beim „Gründungswettbewerb – Digitale Innovationen“ gewonnen. Was war dein persönliches Highlight?
Mein persönliches Highlight war die Laudatio von Professor Alexander Löser von der BHT Berlin aus dem Bereich KI. Denn er hat anerkannt, wie viel neuartige Arbeit da drin steckt. Es sind eben nicht einfach vorgefertigten KI-Modelle mit vielen Daten oder bestehende Open-Source-Projekte die kommerzialisiert werden, um in einer neuen Domaine ein Produkt zu platzieren. Es ist eine neue Grundlagentechnologie entstanden, die sehr vielen Unternehmen helfen kann. Dass das mal honoriert hat, auch vor so einem großen Publikum, und dass wir dafür den Preis gewonnen haben, das fand ich damals sehr, sehr, sehr schön. Und natürlich diesen Preis mit dem ganzen Team entgegenzunehmen noch umso schöner.
Warum Informatik? Was begeistert dich an dem Bereich am meisten?
Ich bin eigentlich Ingenieur und finde das Ingenieurwesen auch unglaublich spannend. Man kann man sehr viele Dinge einfach anfassen, deswegen lassen sich Leute leicht dafür begeistern. Ich hatte das Glück, dass ich zuerst in eine Sekundarschule gegangen bin und da gab es viel mehr praktische Ausrichtungen, als es das vielleicht damals zu der Zeit im Gymnasium gegeben hätten. Das heißt, es gab einen Werkunterricht, es gab einen Hauswirtschaftsunterricht. Ich habe nicht nur gelernt, wie man Knöpfe annäht oder eine Mayonnaise macht, sondern auch, wie man mit Werkzeugen umgeht in der Fabrik. Ich habe auch gelernt, wie man ein Transistorradio zusammenlötet, weil das einfach Projekte waren, die im Werkunterricht drin waren. Und mich hat dieses technische Innenleben von Geräten, die irgendwie funktionieren auf magische Art und Weise, immer interessiert. Über das Dinge auseinanderbauen bin ich dann auch dazu gekommen, dass man ja auch Dinge zusammenbauen kann, auch neuartig. Und so bin ich damals zum Ingenieurwesen gekommen. Ich erinnere mich, dass ich mit meinem Opa zum Tag der offenen Tür an der Uni Magdeburg war. Später habe ich mich dort für Mechatronik eingeschrieben, weil die Studenten, mit denen ich gesprochen habe, mich am meisten beeindruckt haben. Im Ingenieurwesen gibt es so viele Grundlagentechnologien, die man noch nicht zu tollen technischen Lösungen weiterentwickelt hat. Hardwareseitig ist da eigentlich schon unglaublich viel drin. Aber wenn es darum geht, diese Hardware mit Leben zu füllen, dann bist du ganz schnell in der Informatik drin, dann entwickelst du nämlich Software und das finde ich so spannend an der Informatik, dass du diese Qualität, die Ingenieure gebaut haben, sinnvoll mit Leben füllst, eben zum Beispiel in Prozessabläufe oder in Bewegungsaufgaben für den Roboter.
Stress-Snacks oder Atemübungen? Wie schaffst du es, im Alltag auch mal die Zeit anzuhalten und eine Ruheinsel zu finden?
Ich glaube, dass ein wichtiger Schlüssel zu einem glücklichen Leben darin liegt, bewusst loszulassen. Es ist völlig in Ordnung – und sogar gesund –, manche Dinge für eine Weile aus dem Kopf zu verbannen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und genau das gelingt mir gut: Ich kann mich oft voll und ganz auf den Moment einlassen, ohne mich von vergangenen oder zukünftigen Gedanken belasten zu lassen.
In meiner Arbeit und bei organisatorischen Aufgaben habe ich die bewährte Methoden, um nichts Wichtiges zu vergessen. Aber sobald ich Feierabend mache, schalte ich ab – zum Beispiel, wenn ich mit dem Fahrrad mit meinen Kindern unterwegs bin, rechts ran fahre und mir den Nebel über der Elbe oder einen Sonnenaufgang ansehe, wie heute Morgen auf dem Weg zur Schule der Kinder. In solchen Momenten bin ich ganz präsent, genieße die Stille und lasse alles andere hinter mir.
Ich bin jemand, der das Hier und Jetzt intensiv wahrnimmt – auch jetzt, während wir uns unterhalten. Natürlich mache ich Pläne für die Zukunft, aber ich bin auch offen dafür, wenn sich Dinge anders entwickeln. Denn das Leben verändert sich ohnehin ständig.
Was schätzt du an Sachsen-Anhalt am meisten?
Sachsen-Anhalt ist mein Lebensmittelpunkt. Ich habe einen Großteil meines Lebens in Halle und in Magdeburg verbracht. Was ich in Sachsen-Anhalt besonders toll finde, ist die Elbe mit der Natur und den Auen darum. Ich bin unglaublich gerne am Fluss. Ich mag auch diese kleinen versteckten Sachen, wie zum Beispiel das Naherhöhungsgebiet bei Gommern, Plötzky, diese Ecke mit den vielen Badeseen. Du kannst den ganzen Tag damit verbringen von einem Badesee in den nächsten zu springen und nebenher ein Eis zu essen. Es gibt sehr viele versteckte Orte und Menschen in Sachsen-Anhalt, die sich einem nicht sofort vor die Füße werfen, wo man dann immer das Gefühl hat einen kleinen Schatz gefunden zu haben. Und es gibt in Sachen-Anhalt sehr viele Schätze.
Ich habe den Eindruck, dass man hier mit Engagement und Ausdauer wirklich etwas bewegen kann – und dass dieser Einsatz auch gesehen wird. Es gibt Raum für neue Ideen, und wer etwas vorantreiben möchte, findet hier die passenden Möglichkeiten. Auch zur Gründung eines innovativen, deep-tech Unternehmens.
Die Mission des Business Angels Sachsen-Anhalt e.V. (BASA) ist es, die Wirtschaft und Innovationskraft in Sachsen-Anhalt zu fördern, indem ihr ein lebendiges Ökosystem für Unternehmen und Investoren schafft und vielversprechende Startups entdeckt, finanziert und begleitet. Was ist eure größte Stärke?
Der Anspruch als solches ist natürlich sehr hoch - zu einem Ökosystem gehören selbstverständlich immer viele Akteure. Wir sehen uns als einer davon, der die Interessen der Business Angels vertritt – also das Investieren rund um Gründung und rund um Startups - und damit das ganze Element der privaten und institutionellen Risikokapitalgeber meint.
Dabei haben wir uns bewusst aus der „Szene“ heraus gegründet - die Initiatoren sind Business Angels aus der Region und auch unsere Mitglieder sind im Wesentlichen private oder institutionelle Investoren mit regionalem Bezug. Wir sind bei BASA im Ehrenamt organisiert und eigenständig finanziert, was es uns erlaubt unabhängig von öffentlichen Planstellen und auch politisch unabhängig zu sein. Wir sind authentisch und vor allem mit Leib, Seele und dem Herzen für die Region tätig.
Ich glaube, das ist auch das, was uns als Business Angels ein Stück weit besonders macht – es geht um konkretes Engagement vor Ort. Ich glaube tatsächlich, was unsere Mitglieder am meisten schätzen, ist die Möglichkeit, gleichgesinnte Investoren, Business Angels, Macher, Gestalter und am Ende auch einfach positiv denkende Menschen zu treffen und mit ihnen gemeinsam etwas zu bewegen. Wir sind gelebte Wirtschaftsförderung! Und das macht auch gemeinsam einfach mehr Spaß.
Wie sah deine persönliche Reise zum Business Angel aus?
Ich bin 39 Jahre alt, Familienvater, Unternehmer und habe mit dem Thema eher zufällig angefangen. Als Business Angel braucht man in meinen Augen drei wesentliche Bausteine: Einmal natürlich Kapital, dann auch unternehmerische Erfahrung und schlussendlich ein Netzwerk. Diese drei Dinge spielen eine Rolle im Wirken eines Business Angels und die habe ich mir mit der Zeit aufgebaut.
Bei mir hat das Ganze damit angefangen, dass ich vor fünfzehn Jahren selber die Chance hatte, Teil eines Startups zu werden. Das war die Firma GETEC aus Magdeburg, sicherlich vielen bekannt. Ich konnte damals sowohl einem sehr erfolgreichen Gründer über die Schulter schauen, als auch viel von anderen Investoren lernen, die im Laufe der Zeit - gemeinsam mit mir - in das Unternehmen investiert haben. Und entlang des Weges habe ich dann für mich gemerkt, was für eine positive Gestaltungswirkung beim Zusammentreffen von Know-how, Kapital und Willen entstehen kann. Zu dem Zeitpunkt habe ich auch schnell gemerkt, dass es tolle Anknüpfungspunkte und Investitionsmöglichkeiten in Sachsen-Anhalt gibt und habe mich dann gezielt auch mit dem Thema beschäftigt. Und das hat am Ende dann auch darin gemündet BASA aus der Taufe zu heben und mir auch den persönlichen Anspruch gegeben, weiter als Business Angel durch das Netzwerk zu wachsen und zu wirken.
Als Startkapital braucht es nicht immer Millionen, man kann auch gerade in der Frühphase eines Startups mit ein paar Tausend Euro – oder sogar nur durch reines Mentoring - durchaus einen positiven Unterschied machen, wenn es darum geht, ob eine Idee überhaupt in die Umsetzung geht oder eben nur eine Idee bleibt. Der bereits angesprochene zweite und dritte Baustein ist die unternehmerische Erfahrung und das Netzwerk. Dabei kann natürlich auch die Mitgliedschaft in unserem Verband dabei helfen, sich in die Rolle eines Business Angels hinein zu entwickeln. Aber ein gewisses Fundament muss jeder schon mitbringen und vor allem auch den Willen, denn aktives Investieren ist mit Aufwand verbunden und am Ende kann man, auch bei aller Arbeit, trotzdem finanzielle Verluste erleiden.
Wir als BASA bieten dabei neben dem Zugang zu Startups und zu anderen Angels auch das Thema „gemeinsam investieren“ an und das ist eine ganz wichtige Sache. Also quasi die Option bei Investments vielleicht nicht alleine der Kapitalgeber in der Gesellschaft zu sein, sondern sich an einen erfahrenen Angel oder an einen institutionellen Investor zu halten und quasi „mitzugehen“ zu den Bedingungen, die der führende Investor aushandelt. Das ist gerade am Anfang ein toller Einstieg, den wir ermöglichen. Zusätzlich haben wir mehrmals im Jahr auch inhaltliche Workshops für unsere Mitglieder zu Schwerpunkten, die wir uns gemeinsam im Verband überlegen. Gemeinsames Aufbauen von Know-how und inhaltlicher Austausch ist also auch unser Werteversprechen.
Warum Startups? Was begeistert dich an dem Bereich am meisten?
Wenn ich auf mein Leben schaue, ist der Umstand, dass ich morgens aufstehen und entscheiden kann, mit welchen Themen ich mich beschäftige und mit welchen Menschen ich mich umgebe eigentlich das, was mich am glücklichsten macht. Das ist ein wahnsinniges Privileg, das ich unheimlich schätze. Und ich habe für mich gemerkt, Startups bieten in vielerlei Hinsicht eine perfekte Beschäftigung.
Auf der einen Seite hat man die Möglichkeit, die akademische Neugier zu befriedigen. Man kann relativ schnell in ein total fachfremdes Thema einsteigen, weil man Gründer zur Seite stehen hat, die sich auskennen, teilweise Doktoren sind, die schon etliche Jahre an einem Thema forschen. Man ist damit sofort in einer inhaltlichen Tiefe, die man sonst durch keine Art von Weiterbildung jemals so schnell bekommen könnte. Also das ist einmal die fachliche Komponente, die mich immer wieder reizt. Das Zweite ist die menschliche Komponente. Startup-Gründer sind per se Menschen, die Chancen sehen und die optimistisch in die Zukunft schauen, weil sie davon überzeugt sind, dass in der Zukunft Potenziale liegen, die es wert sind, gehoben zu werden. Und das ist einfach ein positives Mindset, das sich auf die Gesellschaft überträgt und zwischen alle Beteiligten gegenseitig verstärkt.
Ich selbst habe ganz klassisch als Angestellter angefangen und bin dann erstmal die Karriereleiter als leitender Angestellter und Manager hochgestiegen. Entlang des Weges hatte ich immer Spaß daran, eigene Budgets zu verwalten, eigene Personalverantwortung zu haben und selber zu gestalten. Daraus wurde dann eine Mischung aus Selbstbewusstsein, das aus der Berufserfahrung erwachsen ist, und aus den Gelegenheiten, die sich einem bieten, wenn man offen durch die Welt geht. Rückblickend fand ich den Einstieg auch gar nicht schlecht. Also sicherlich kann man die Uni abbrechen, man kann sich mit 18 Jahren selbstständig machen, man kann all diese phantastischen Lebensläufe produzieren, die es da draußen gibt. Aber es muss nicht immer dieser radikale Weg sein. Es ist nie zu spät, auch mit 50, 60, mit 70 noch zu gründen oder Business Angel zu werden.
Wenn Leute Geld geben, können andere gründen, wenn Leute erfolgreich gründen, animiert das andere zum Gründen und bringt auch wieder neues Kapital. Und so hat man einfach einen positiven Impact auf die Gesellschaft und hat selbst auch noch die Chance, mit tollen Menschen zu arbeiten, jeden Tag.
Rendite oder Menschen? Was sind die Top 3 Punkte, die entscheiden, ob du investierst oder nicht?
Im Kern muss eine finanzielle Investition sich rechnen. Ich habe natürlich auch, wie die meisten Investoren, verschiedene Alternativen. Seien es Aktien, seien es Immobilien. Startups sind da eine etwas riskantere Anlageklasse und in der Regel auch eine, in der man sein Geld erst nach fünf oder sogar zehn Jahren wieder bekommt. Also schon allein vor dem Hintergrund muss es sich noch mehr lohnen als bei anderen Investments. Das ist tatsächlich eine Sache, die kann der eine etwas mehr „ausblenden“ und der andere etwas weniger, aber für mich ist das schon eine Einstiegshürde, über die jeder Businessplan, der mir vorgelegt wird, erstmal springen muss.
Außerdem schaue ich mir das Themenfeld an – damit kriege ich dann quasi neues Futter für meine akademische Neugier. Ich nutze ein Investment manchmal bewusst dafür, mir einen Bereich anzuschauen, von dem ich noch gar keine Ahnung habe. So bin ich zum Beispiel zur Medizintechnik gekommen und habe wahnsinnigen Gefallen an allem gefunden, was Gesundheit und medizinische Versorgung angeht.
Ich habe dabei für mich den Anspruch, mich einen Tag pro Monat mit jedem Startup zu beschäftigen, das ich in meinem Portfolio habe. Das sind also Menschen, mit denen ich regelmäßig interagiere, mit denen ich meine Zeit verbringe und deshalb müssen das einfach Menschen sein, mit denen ich das auch möchte. Das ist das Privileg, das ich mir gönnen kann.
Und das sind im Wesentlichen die Top 3 Voraussetzungen: eine gewisse Mindestrendite, damit der Kaufmann in mir zufrieden ist und Menschen, mit denen ich mich umgeben möchte, sowie Themen, die ich persönlich spannend finde. So manufakturhaft und subjektiv ist es eben. Da gibt es keine Schablone, aus der eine Herangehensweise herauspurzelt, die ich blind nehmen kann.
Da man die Rendite im Rahmen einer Verhandlung eigentlich immer noch gut gestalten kann und ich meistens am Ende auch die Konditionen bekomme, die ich anvisiere, würde ich sagen, ist das nicht das kritische Thema. Da wird man eine Lösung finden, damit ich auch als Investor finanziell mit dem Investment zufrieden bin. Wenn ich es jetzt auf eine einzige Sache runterbrechen müsste, die für mich am wichtigsten ist, dann ist es das Gründerteam - also die handelnden Personen. Von deren intrinsischer Motivation und Vertrauenswürdigkeit zehrt eigentlich die gesamte Entwicklung des Investments.
Wenn das Gründerteam gut aufgesetzt ist, findet man immer Lösungen, um Probleme gemeinsam zu lösen und es zeigt sich wirklich erst, wenn mal etwas nicht klappt, ob die Chemie zwischen den Gründern und auch zwischen Gründern und Investoren stimmt. Wenn man sich anschaut, welche Startups in der Vergangenheit den Sprung in die Profitabilität nicht geschafft haben, hat es oft eben genau an dieser Stelle nicht gepasst. Wenn das Vertrauen verloren geht, leidet die geschäftliche Entwicklung letztlich auch.
Was schätzt du an Sachsen-Anhalt am meisten?
Ich komme aus der Altmark, bin in Stendal aufgewachsen und nach wie vor sehr oft dort. Mittlerweile würde ich aber sagen, dass ich in ganz Sachsen-Anhalt zu Hause bin. Auch wenn mein Wohnsitz hier in Magdeburg ist, ist mein Wirken im Jerichower Land, in der Altmark, bis zum Harz und nach Halle zu finden.
Ich trage im Alltag fast immer ein Sachsen-Anhalt Wappen an meinem Jackett und kriege regelmäßig zwei Reaktionen: einerseits wird die tolle Signalwirkung gelobt, aber für viele ist sowas auch immer noch eine Überraschung. In Sachsen-Anhalt ist so ein „Zeichen“ nach wie vor etwas, das positiv auffällt. Und das wiederum zeigt, dass da ein gewisser Erkenntnis- und auch Selbstbewusstseinsentstehungsprozess in Gange ist - eine tolle Entwicklung!
Wir haben Weltklasse Sportler, wir haben tolle Unternehmen, wir sind in der Lebensqualität zu einem auch erschwinglichen Kostensatz einfach ganz weit vorne. Ich habe es in meinem Studiengang gesehen, über 80 Prozent kamen von außerhalb Sachsen-Anhalts. Wir haben eine ganz tolle Hochschullandschaft, die die Leute unheimlich gut ausbildet. Studierende kommen hier her, weil sie die Qualität der Ausbildung schätzen und viele verlieben sich dabei in die Region. Sachsen-Anhalt hat gut ausgebildete, engagierte junge Leute, die nötigen Gewerbeflächen und bezahlbaren Wohnraum – und ist einfach grundlegend ein Land in dem die Wege, auch zur Politik, sehr kurz sind.
Letzteres ist eine unheimliche Stärke, die von außen gar nicht unbedingt sofort ersichtlich ist. Aber sobald man einmal im System versucht, ein Rädchen zu drehen, dann braucht es oft nur ein oder zwei Anrufe und man hat direkte Kontakte zu den Entscheidern. Und wen man nicht kennt, den kann man relativ schnell kennenlernen.
Mein Lieblingsort ist die Elbe - ich muss dazu sagen, dass ich tatsächlich mein ganzes Leben immer irgendwie entlang der Elbe gelebt habe. Und ich würde auch sagen, wenn es ein inoffizielles Lebensmotto für mich gibt, dann wäre es „Lieber erste Reihe Elbe als fünfte Reihe Starnberger See.“ – ich liebe es hier einfach!
Das Cluster IT Mitteldeutschland vertritt die Interessen der IT-Wirtschaft in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, möchte die Vernetzung untereinander sowie mit anderen Branchen und der Wissenschaft vorantreiben und gemeinsam für den Standort Mitteldeutschland zu werben. Was ist eure größte Stärke?
Unsere größte Stärke ist mit Sicherheit, dass wir Akteure vernetzen und zusammenbringen, die vorher möglicherweise nicht wussten, dass sie gut miteinander agieren können. Dazu gehört, dass wir Ohr und Auge sowohl an unserer Mitgliedschaft als auch an unserer Branche haben – um zu wissen, was die Bedarfe und Entwicklungen sind. So können wir als sinnvolle Drehscheibe fungieren und zusammenbringen, was zueinander gehört. Dieser Aktivität verleihen wir über unsere verschiedenen Formate ein Gesicht, wobei die Hauptarbeit ganz klar im Hintergrund passiert – und hier, würde ich sagen, liegt unsere Stärke.
Seit eurer Gründung 2009 in Sachsen-Anhalt hat sich einiges verändert. Was sind die größten Unterschiede zwischen dem Start mit sieben Gründungsunternehmen und heute mit über 70 Mitgliedern? Wo steht ihr heute?
Ich kann mich noch gut an unsere Mitgliederversammlung im letzten Jahr erinnern, als wir 15-Jähriges gefeiert haben und unser Gründervater Klemens Gutmann von der regiocom richtig festgehalten hat, dass sich der Verein ursprünglich gegründet hat, als das Internet gerade mal 10 Jahre alt war. Da kann man sich vorstellen, wo die Branche damals stand und wie schnell und erheblich sich das Ganze in der Zwischenzeit entwickelt hat. Natürlich haben sich unsere Schwerpunkte verändert – man denke nur mal an die Themen KI und Security, die ganz klar an Brisanz und Wichtigkeit gewonnen haben. Die Technologie an sich wird heute allerdings in jedem Haushalt genutzt. Das heißt, anders als damals geht es uns heute nicht mehr darum für das Thema IT an Sichtbarkeit zu gewinnen, sondern darum, die Akteure branchenübergreifend zu vernetzen, unterschiedliche Skillsets und verschiedene Blickrichtungen zusammenzubringen und damit Kooperation anzustoßen.
Durch die hohe Heterogenität ist es schon eine Herausforderung, alle auf die Clusterreise mitzunehmen. Wir haben dafür intern verschiedene Tools entwickelt, die den Einstieg vereinfachen und sicherstellen, dass wir regelmäßig in Kontakt sind. So händeln wir die Heterogenität und den wichtigen Informationsaustausch.
Warum die IT-Branche? Was begeistert dich an dem Bereich am meisten?
Mein Vater war Softwareentwickler und hat sich auch mit Hardware beschäftigt – unter anderem hat er CCD Kameras entwickelt – dadurch bin ich als Kind mit Leuchtionen in der Sofaritze aufgewachsen. :D Insofern liegen mir Hardware und Software schon immer sehr nahe. Ich habe dann eine lange Zeit eher im Foodbereich gearbeitet, weil ich einen anderen Dreh für mein Leben haben wollte. Aber irgendwie lag es dann doch nah, das, was mich schon mein Leben lang begleitet hat, über diese Netzwerkaktivität zu verbinden. Außerdem finde ich es beeindruckend, was für ein Entwicklungsbooster unsere Technologien sowohl kollektiv für unsere Gesellschaft als auch für einen individuell bedeuten. Und auch die Tiefe, mit der sich unsere Unternehmen mit den jeweiligen Themen beschäftigen und die Passion, mit der sie uns davon berichten – da bekommen meine Kollegin und ich regelmäßig leuchtende Augen!
Du arbeitest schon länger beim Cluster, seit Ende letzten Jahres bist du in die Geschäftsstellenleitung gewechselt. Was sind deine Ziele für die nächsten Jahre?
Im Grunde habe ich Gerd Neudert, unserem ehemaligen Geschäftsführer, diese Position zu verdanken. Er hat sie mir ans Herz gelegt und mich in meinem Tun bestärkt. Aber ich ‚funktioniere‘ besonders gut im Team. So ist das auch mit meiner Kollegin Marielouise Busch. Gemeinsam lenken wir die Geschicke des Cluster IT.
Unser größtes Bestreben ist es, die Schätze, die in uns aber auch in unserem Tun und Schaffen liegen, weiter zu bergen – für unsere Mitgliedsunternehmen und für uns persönlich. Für das Cluster IT und für uns geht das mit einem kontinuierlichen Transformationsprozess einher.
Apropos Transformationsprozess: Aus dem Strategieprozess, der bei uns fortlaufend stattfindet, wurde das Projekt „Countdown 24“ geboren. Dahinter verbarg sich einerseits das Ausscheiden von Gerd Neudert als Geschäftsführer und andererseits der Wunsch nach „Verjüngung“. Verjüngung sowohl in der Besetzung als auch in der Themen- und Formatwahl. Wir wollen das Bewährte schätzen und neue Impulse für die Zukunft setzen.
Das lässt sich nicht alles rein auf dem Papier planen. Wir fragen uns oft: „Was begegnet uns?“ Und dem begegnen wir! Wir nennen das intern „SchneiBu-Flow“ – nach meiner Kollegin und mir. :D
Was schätzt du an Sachsen-Anhalt am meisten?
Sachsen-Anhalt ist ein traditions-, und geschichtsverbundenes Bundesland, wenn man sich aber bspw. den Cyber Security Verbund und die vielen Startup- und Gründer-Initiativen des Landes anschaut, zeigt sich, dass das Land ein großes Bewusstsein für die Zukunft hat und sich das auch bewusst macht. Es geht darum, dass man sich JETZT in diese Zukunft bewegen muss. Dafür steht für mich auch Sachsen-Anhalt. Also ein Land mit tiefen, traditionellen Wurzeln und gleichzeitig wahnsinnig breiten, großen Flügeln.
Als Software für Projektsteuerung setzt COMAN Software dort an, wo viele andere Anbieter aufhören: bei der Projektumsetzung. Dafür habt ihr in den letzten Jahren u. a. alle namhaften, deutschen Autobauer als Kunden gewinnen können. Was ist eure größte Stärke?
Ich finde, da muss man die Stärken unseres Produkts und unserer Firma trennen. Aufs Produkt bezogen - also darauf, was unser Produkt bei den Kunden macht - da ist die größte Stärke die Transparenz. Unser Produkt visualisiert unheimlich große, komplexe Themen und Arbeitspakete, die im Normallfall auf ein Dutzend verschiedener Systeme basieren. Dabei schaffen wir eine Transparenz, die es zuvor nicht gab, was wiederum erhebliche Aufwandseinsparungen für unsere Kunden schafft. Sämtliche Prozesse, die man vorher per Hand eintragen musste, werden jetzt einfach in einem System zusammengeführt und visualisiert. Das heißt, ich brauche eigentlich gar nicht mehr durch Listen und Tabellen zu gehen, um irgendwelche Daten einzusehen, sondern bekomme sie „kartografiert“ bzw. visualisiert über bestimmte Codes oder sogenannte „Smart Objects“.
Beispiel: Wir haben ein Unternehmen, das einen umfassenden Arbeitsprozess durchlaufen muss, um bspw. einen Artikel zu veröffentlichen. Im Prozess sind 10 verschiedene Abteilungen und 17 verschiedene Mitarbeiter involviert und eigentlich möchtest du als Prozessverantwortlicher zu jeder Zeit wissen, wie der aktuelle Stand ist und wer gerade an welchem Schritt arbeitet. Im Normalfall haben diese 10 Abteilungen alle unterschiedliche Systeme und jeder kennt nur seine eigenen Schritte – und genau hier kommt die Transparenz unseres Softwaresystems ins Spiel. Wir bündeln alles und sorgen dafür, dass jeder Prozessmitarbeiter und die oder der Prozessverantwortliche zu jeder Zeit Einblick in den aktuellen Stand des Prozesses bekommen. Und das ist auch das Motto von Coman: „Erfasse den Fortschritt“.
Betrachtet man Coman als Firma, würde ich eher die Frage stellen, was ist das Interessante an der Firma für den Kunden? Und was wir oft als Feedback kriegen, ist, dass wir eben NICHT wie viele große Softwareunternehmen arbeiten. Genauer heißt das, wir sind auf Anfragen sehr schnell agierend, wir haben keine großen Entscheidungsprozesse, da hängen auch keine utopischen, nachträglichen Angebotskosten hinter, und das ist das, was unsere Großkunden an uns so schätzen. Sie kommen einfach mit einer Anforderung zu uns und wir gehen quasi direkt in die Umsetzung und müssen nicht über Vorstandsebenen diskutieren und ewig debattieren.
Ihr habt Anfang 2024 einen weiteren Standort in Chicago (USA) eröffnet. Wie kam es zu der Entscheidung und wie war die Reise dahin?
Der Wunsch in die USA zu gehen war oft da, einfach weil die USA um einiges innovations- und testfreudiger ist als viele andere Länder. Wenn man mich aber nach dem genauen Grund für die Expansion fragt, würde ich sagen, das war „getrieben durch den Kunden“. Am Ende waren es nämlich unsere Kunden, die unser System in die Welt getragen haben.
So eine Expansion bringt aber auch immer einen Riesenaufwand mit sich – und bei uns steckte der vor allem in der „Kollision“ der amerikanischen und deutschen Rechtsform. Unsere amerikanischen Kunden sind mit unserer deutschen Rechtsform nicht zurechtgekommen, wollten auch keine Verträge mit der deutschen GmbH abschließen und hinzukam, dass wir ohnehin eine amerikanische Tochtergesellschaft brauchten, um die deutsche Rechtsform zu schützen – sozusagen als „legal construct“. Deswegen haben wir 2023 die Incorporation gegründet.
Wir sind bei dem ganzen Prozess damals über das dreimonatige German Accelerator Programm gegangen. Über dieses Mentorenprogramm sind wir an die vielen Themen des doch sehr anders tickenden amerikanischen Marktes Schritt für Schritt herangeführt worden. Das waren zum einen viele Legal- und Marketingthemen, aber es ging auch darum, ein Verständnis für die amerikanischen Arbeitsweisen zu entwickeln und da war die Frage „Wie knacken wir den Markt?“ natürlich wichtig. Vieles mussten wir im Zuge dessen auf Links drehen, weil die Amerikaner dann eben doch anders drauf sind - wobei vieles dieser amerikanischen Art jetzt immer mehr auch zu uns nach Deutschland rüberkommt. Ohne den Accelerator wäre es für uns wirklich schwer gewesen am amerikanischen Markt Fuß zu fassen, zumal man beim Programm genau die Themen an die Hand bekommt, die zu deiner jeweiligen Ausgangssituation passen.
Warum Informatik? Was begeistert dich an dem Bereich am meisten?
Ich habe ursprünglich Elektroanlagenmonteur gelernt, also ein klassisches Handwerk, das ist mir aber schnell zu langweilig geworden. Dann wollte ich eigentlich Mediendesign lernen, habe aber schon bei der Vorqualifikation gemerkt, dass ich doch kein kreativer Kopf bin. :D Deswegen bin ich letztlich in die technische Richtung, nämlich in die technische Informatik mit Schwerpunkt „Echtzeit Betriebssysteme“ gegangen. Also wirklich der Bereich, in dem man Hardware designt und entwickelt bzw. programmiert – das waren z.B. Herzschrittmacher und Produktionsanlagen - und so bin ich schließlich in der Automatisierungstechnik im Automotivbereich gelandet und hab da mein Steckenpferd gefunden, vor allem in der Roboterprogrammierung. Aber auch das war mir dann irgendwann zu trocken. Es macht mir einfach mehr Spaß, wenn man etwas programmiert und dann ein Outcome sieht – man drückt auf einen Knopf und ein Fenster öffnet sich und so weiter. Also ist es am Ende die Anwendungsprogrammierung für mich geworden.
Du bist beruflich sehr viel unterwegs und ihr habt Büros an drei Standorten. Wie bekommst du das alles unter einen Hut?
Ganz klar: Meine Frau. :D
Auch hier würde ich den privaten und beruflichen Bereich getrennt betrachten.
Privat würde ich es ohne den Rückhalt meiner Familie nicht schaffen. Meine Frau übernimmt die Kinder fast allein – der Rückhalt der Familie ist für mich als Privatperson und Unternehmer essenziell.
Beruflich ist das Team meine Konstante. Inzwischen brauchen wir z.B. jemanden, der die Termine koordiniert oder der die Reiseplanung und Ähnliches übernimmt. Ich versuche da mittlerweile auch viel abzugeben – vor allem weil wir aktuell drei Kontinente gleichzeitig bedienen - Asien, Europa und die USA. Dabei haben wir in den verschiedenen Büros aber schon feste Strukturen und der sogenannte „Flaschenhals“ bildet dann meine Person.
Die Büros sind von der Ausstattung her und von den Abläufen auch gleich ausgestattet. Dabei sind verschiedene Tools und Methoden für uns unabdingbar geworden, denn seit letztem Jahr sind wir dabei, eine neue Prozessgestaltung bei uns zu etablieren. Das wären zum Beispiel Methoden und Softwarelösungen für das Teammanagement – also zum Beispiel Trello und Kanban - es geht aber auch darum, die Hierarchie und Abteilungsstrukturen Stück für Stück zu optimieren. Mein größtes Learning der letzten zwei Jahre ist dabei ganz klar: Man muss sich daran gewöhnen zu delegieren und das „selbstständige Lernen“ ermöglichen - den Leuten also etwas zum „Selbstgestalten“ abgeben. Das ist ein Prozess. Manche Dinge hatten wir schon auf dem Papier, brauchten aber ein bisschen, um es aktiv zu leben. Dabei musste natürlich auch unsere Kommunikation strukturiert werden, zum Beispiel durch daily huddles, monthlys etc.
Vor drei Jahren hätte ich von all dem nichts gewusst. Das, was wir jetzt umsetzen und gelernt haben, habe ich aus dem Gründernetzwerk mitgenommen, durch Empfehlungen und Fragen. Das Netzwerk und die Veranstaltungen von bmp Ventures, zum Beispiel der Portfolio Day, bei dem man sich mit anderen Gründern austauschen kann, ist da wirklich ein Musterbeispiel. Einer der Gründer aus dem Netzwerk hat uns das Buch „Scale Up“ empfohlen, das dann auch alle Abteilungsleiter mitbekommen haben. Es wurde von amerikanischen Gründern geschrieben, die sehr schnell viele Firmen in kurzer Zeit sehr groß aufgebaut haben. Das hat mir wahnsinnig geholfen und mittlerweile haben wir nach und nach große Teile des Buches auch schon bei uns umgesetzt und unsere Strukturen angepasst.
Was schätzt du an Sachsen-Anhalt am meisten?
Die Gelassenheit würde ich sagen. Ich komme aus Berlin, da kenne ich das Leben anders. :D Ich schau schon mit einem Schmunzeln auf das Jahr 2018 zurück – damals haben wir unsere Räume hier zum ersten Mal betreten und ich weiß noch ganz genau, wie ich damals die ersten Male mit meinem Mittagseinkauf bei Aldi an der Kasse stand und vor mir haben sich zwei Leute genüsslich über ihre Kinder, ihre Hunde und den Hühnerstall unterhalten – und ich als Berliner war damals so genervt, weil es nicht vorwärts ging :D Das hat wirklich ein halbes Jahr gedauert, bis ich auch diese gesunde Gelassenheit verinnerlicht hatte.
Heute ist Berlin tatsächlich nur noch Stress für mich. Die Leute sind oft unfreundlich und gehetzt. Wenn ich dagegen hier Veranstaltungen mache, bspw. mit Bastian Sieler, dem Oberbürgermeister von Stendal, oder auch wenn ich nur zum Bäcker um die Ecke gehe, die Leute sind einfach freundlicher. Auch das Fördernetzwerk in Sachsen-Anhalt ist einzigartig – diese Art von Support hätten wir in Berlin nicht gehabt. Heute Morgen meinte ich auch zu einer Mitarbeiterin - jedes Mal, wenn ich aus dem grauwolkigen Berlin komme und in die sonnige Stadt Stendal reinfahre, habe ich das Gefühl, ich bin in Spanien. Der Himmel hier ist für mich immer blau :D.
CurrentSystem 23 ist ein unabhängiger IT-Dienstleister mit einem breiten Leistungsspektrum – von der Beratung über Schulungen bis hin zur maßgeschneiderten Softwareentwicklung. Was ist eure größte Stärke?
Das ist eine sehr gute Frage.
Ich bin seit knapp 30 Jahren selbstständig und habe in dieser Zeit sehr viele Erfahrungen sammeln können. Als CurrentSystem 23 haben wir zu Beginn Datenbankanwendungen für Hoteliers entwickelt, und sind bis heute auf Sonderanwendungen für den Mittelstand spezialisiert. Je mehr Erfahrungen wir sammeln konnten umso mehr konnten wir unsere Fähigkeiten auch als Dienstleister für größere Unternehmen weiterentwickeln. In Form von individueller Softwareentwicklung zum Beispiel für die Regiocom SE, VW Financial Services und dem Deutschen Roten Kreuz oder mit IT Administration bei der SWM Magdeburg
Unser Dienstleistungsspektrum umfasst alle Unternehmensgrößen in jeder Branche, das gibt uns täglich die Möglichkeit von den vielfältigen Erfahrungen in verschiedensten Unternehmen und Projekten zu profitieren und uns so. weiterzuentwickeln.
Aktuell sind wir ein Unternehmen mit 15 Mitarbeitenden und haben damit meiner Meinung nach eine perfekte Größe um flexibel und auf Augenhöhe arbeiten zu können. Starre und formale Strukturen, wie sie oft im Konzernsystem zu finden sind, versuchen wir bei uns im Haus bewusst zu vermeiden und die Flexibilität in allen Prozessen von der Auswahl der Technologie bis hin zur Wahl der richtigen Problemlösung zu behalten
Dieses Jahr steht bereits das 10. Jubiläum der Magdeburger Developer Days an – einer von euch organisierten Konferenz speziell von „Entwicklern für Entwickler“, zu der inzwischen Teilnehmer und Experten aus dem gesamten DACH-Raum kommen. Nimm uns mit auf die Reise: Was waren die Höhepunkte? Was die größten Herausforderungen? Worauf freust du dich in diesem Jahr?
Das ist eine große Frage!
10 Jahre sind schon eine sehr lange Zeit – wobei das ja gerade mal ein Drittel meines gesamten Berufslebens ist. Der erste Höhepunkt war schon gleich die erste Veranstaltung. Damals lief alles noch so amateurhaft ab, dass es eigentlich nur gut werden konnte. Um ein Beispiel zu geben: Ich habe das erste Event mit dem Wort „Scheiße“ eröffnet, weil mir vor Aufregung die Stimme wegblieb – und genau das, hat man dann natürlich übers Mikro gehört. Das war für mich ein eindeutiges Zeichen das es ab jetzt nur noch besser werden kann!
Die vergangenen 9 Veranstaltungen hatten jeder seine eigenen Höhepunkte, ob es der dreimalige Umzug, die Vergrößerung von einem knappen Tag mit 20 Sessions auf eine 4-tägige Konferenz mit Workshops, Abend- und Rahmenprogramm oder die Steigerung von 270 Teilnehmern bei der ersten, zu über 800 Teilnehmern bei der letztjährigen Veranstaltung waren. Alles in Allem ist es einfach schön zu sehen das die Leute immer wieder gern und zahlreich zu den Magdeburger Developer Days kommen, und das auch nach Corona. Ein ausverkauftes AMO ist da natürlich ein klares Signal und großes Kompliment.
Dabei macht das Ganze auch sehr viel Spaß, sowohl die Planung als auch die Veranstaltung selbst. Die Kommunikation mit vielen Gleichgesinnten, das Vernetzen, das Rahmenprogramm und nicht zuletzt zu sehen, dass es den Sprechern, Besuchern und den Ausstellern so viel Spaß macht, ist einfach schön und all den Stress auf jeden Fall wert.
Dieses Jahr wollen wir das Jubiläum natürlich angemessen feiern und so viel kann ich verraten: Mein persönliches Highlight wird direkt nach der Eröffnung passieren. Also man muss dabei sein, um das mitzuerleben
Außerdem freue ich mich wieder ganz viele bekannte und neue Gesichter zu sehen und natürlich, dass wir, wie im letzten Jahr, wieder ausverkauft sein werden. Das heißt, ich hoffe, dass die aktuelle wirtschaftliche Situation die Unternehmen nicht daran hindert, ihre Mitarbeitenden vorbeizuschicken, um sie auch weiterhin zu motivieren – denn genau das schaffen die Magdeburger Developer Days.
Etwas das eher kein Highlight Der MD Dev Days aber von Anfang an nicht wegzudenken ist, ist der sogenannte „Blues“ nach der Veranstaltung, wenn der Stress abfällt und man sich irgendwie erstmal nicht mehr richtig gebraucht fühlt. Immerhin hat man über mehrere Wochen dieses konstante Stresslevel, deswegen ist es gut, wenn das nach der gemeisterten Veranstaltung von einem abfällt.
Warum Informatik? Was begeistert dich an dem Bereich am meisten?
Das ist eigentlich eine einfache Frage.
Wenn man die Arbeit des Informatikers mit jedem anderen Job vergleicht, dann ist die tägliche Abwechslung genau das, was ihn abgrenzt und so einzigartig macht. Ja, das Programmieren und die Programmiersprache hat man irgendwann auswendig gelernt – aber die Anwendung dieses Wissens, die wird dann spannend. Wenn man das mit der Musik vergleicht, wäre das in etwa so, dass wir jeden Tag neu entscheiden, welche Melodie wir für ein Projekt spielen müssen. Möchte der Kunde eher Rock? Oder doch lieber Jazz? Daran orientiert sich dann unsere Musik – unsere Arbeit. Und diese Möglichkeit immer wieder in neue Bereiche und Prozesse zu gehen, macht es für mich so interessant.
Die Informatik war dabei eigentlich schon immer Teil meines Lebens. In der 7. Klasse, damals zu „DDR-Zeiten“, hatte ich die Möglichkeit an eine Spezialschule in Thüringen zu gehen, die technisch begabte Kinder ausgebildet hat. Da kam pro Jahr immer nur eine Klasse zustande. Und rate mal – meine Mutter hat „Nein“ gesagt, weil sie nicht wollte, dass ich allein auf dem Internat lebe. Stattdessen durfte ich in die „Station junger Naturforscher“ gehen – das war so eine Art Jugendzentrum mit Bildungsauftrag und dort habe ich dann das Programmieren gelernt. Das Schöne war, das dort nur Schüler waren, die richtig Lust hatten und „wollten“ und so konnten wir dort ziemlich coole Sachen machen.
Am Ende wurde ich sogar von meinem ehrlicherweise „zutiefst verhassten“ Musikunterricht freigestellt, um nach einem Schuljahreswechsel weiterhin zur „Station junger Forscher“ fahren zu können. Man muss dazu sagen, das Fach hätte ich ohnehin nur durch den theoretischen Notenteil bestanden, umso mehr habe ich mich gefreut, dass ich mich dann ganz auf die Informatik konzentrieren konnte. Und so fing meine Geschichte an.
Du hast das Unternehmen 2005 gegründet. Welchen Ratschlag würdest du dem damaligen Michael aus heutiger Perspektive mitgeben?
Okay… hierauf gebe ich dir zwei Antworten.
Antwort 1: Ich würde wahrscheinlich sagen „Mach es nicht nochmal!
“. Kurz zu meinem genauen Werdegang:
Ich habe 1994 mit einem Kumpel eine GbR gegründet, daraus wurde ein Einzelunternehmen und daraus wurde dann 2005 die GmbH. Meine Message an die „jungen Wilden“ da draußen, die gründen wollen, wäre, dass ist nicht ganz so spaßig, wie man sich das vorstellt. Es gibt viele Rückschläge und definitiv keinen klassischen 9to5 Day, was vor allem mit der Familiengründung kollidieren kann.
Antwort 2 wäre die: Ich würde das nochmal machen und eigentlich fast genauso, nur ohne die Leute, die mich auf dem Weg abgezockt haben.
Die eigene Absicherung war bei mir persönlich nie vordergründig. Ich wollte immer nur genug zum Leben haben und das hat gut geklappt. Ich habe damals aber teilweise mit Leuten und Firmen zusammengearbeitet, die sich an meinen Ideen eine goldene Nase verdient haben, während ich einen Mindestlohn bekam, denn vor allem als Informatiker neigt man oft dazu ein großes „Spielkind“ zu sein, einfach weil einen die Sachen so Spaß machen. Aber diesen wirtschaftlichen Aspekt darf man dabei nicht aus den Augen verlieren. Kurzum: Lasst euch nicht ausnutzen.
Was schätzt du an Sachsen-Anhalt am meisten?
Ich bin jetzt mit Unterbrechung seit 30 Jahren in Sachsen-Anhalt und das, was ich hier immer wieder erlebt habe – trotz der Rückschläge – sind die vielen Chancen, die mir geboten wurden. Und genau diese Chancen mache das Bundesland aus beruflicher Sicht so passend für mich. Am Ende sind genau diese Möglichkeiten, die dafür gesorgt haben, dass ich jetzt hier mit einem gut laufenden, mittelständischen Unternehmen mit 15 Mitarbeitern sitzen darf.
Die persönliche Seite erkläre ich am besten über einen Vergleich: Ich war eine Zeit lang für eine Münchner Firma tätig, war öfter dort unterwegs und hab dort auch Freunde gefunden - aber was mir da gar nicht gefallen hat, ist die Tatsache, dass du – wenn du einmal kurz weg bist – direkt wieder vergessen wirst. Und das ist in Sachsen-Anhalt gar nicht der Fall. Die Freundschaften, die man hier hat, sind sehr viel langlebiger. Auch wenn man als Unternehmer nicht unbedingt die Zeit für große Freizeitunternehmungen hat, trotzdem sind die Freundschaften immer geblieben.
Was außerdem sehr angenehm ist, ist die Weitläufigkeit. Deswegen fühle ich mich in Städten wie München und Berlin nicht wohl, diese „Geballtheit“ ist es für mich einfach nicht. Am Ende bin ich genau wegen diesem „Raum zum Atmen“ auch immer hiergeblieben – und meine Mitarbeiter haben irgendwann gesagt „Egal was bleibt, wir bleiben bei dir.“. Deswegen sind wir jetzt hier und das wird wohl auch so bleiben.
Der VITM – Verband der IT- und Multimediaindustrie Sachsen-Anhalt e.V. – versteht sich als Vertreter der IT-Wirtschaft und setzt sich unter anderem für die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Mitgliedsunternehmen und die Mitgestaltung des rechtlichen Rahmens ein. Was ist eure größte Stärke?
Unsere größte Stärke ist ganz klar unsere Unbequemlichkeit. Das bedeutet, dass wir im Grunde genommen niemandem nach dem Mund reden – egal mit welcher Person oder Instanz wir sprechen. Wir sind im Gegensatz zu anderen Organisationen, in denen die Mitgliedschaften nicht freiwillig sind, ausschließlich unseren Mitglieder: innen gegenüber verpflichtet. Damit gewinnen wir zwar keinen Beliebtheitswettbewerb, aber das ist nun mal unsere Aufgabe und somit auch meine Aufgabe als Vorsitzender.
Es gibt in Deutschland so gut wie keine IT-Mitarbeiterverbände. Ehrlich gesagt sind wir als VITM eine Art „Exot“, vor allem mit einem Vorstandsvorsitzenden, der selbst aus der IT kommt. Als Arbeitgeberverband sind wir eingebunden in verschiedene politische Verfahren, wenn es um Gesetzgebungen und Anhörungen geht. Ob das die Digitalstrategie des Landes ist oder die Mitwirkung an landesspezifischen Gesetzen – wir sind immer dabei. Unsere Hauptaufgabe liegt dabei darin, herauszustellen, welche besondere Rolle die IT für das Land grundsätzlich einnehmen sollte.
Immerhin sprechen wir hier von einem Wirtschafszweig, der ca. 2 Milliarden Euro Umsatz und ca. 16 Tausend Beschäftigte mit sich bringt. Das ist also alles andere als ein Leichtgewicht und man muss einfach sagen, dass die IT eines Landes ganz klar darüber entscheidet wie effizient die restliche Wirtschaft und Verwaltung läuft. Das versuchen wir der Politik natürlich klarzumachen. Und deswegen werden zum Beispiel neue Vorschläge für Gesetzgebungen detailliert von uns auf ihre Vor- bzw. Nachteile für die Wirtschaft hin, überprüft
Der VITM wurde im November 2000 gegründet. Wie hat sich der Verein entwickelt und wie hat sich die Vereinsarbeit seitdem verändert?
Das Jahr 2000 und der Titel des Vereins als solches korrespondieren ja schon miteinander. Wenn man heute das Wort „Multimedia“ benutzt, klingt das ein bisschen wie aus anderen Zeiten. „Multimedia“ war um die Jahrtausendwende aber ein sehr „gehypter“ Begriff, weshalb er seinen Weg in unseren Vereinsnamen gefunden hat. Grundsätzlich haben wir beim VITM zwei Beine, auf denen wir stehen. Das ist zum einen die wirtschaftliche Seite - also die Unternehmen, die Gesellschafter hier im Land haben und sich hier zu großen Teilen um die Jahrtausendwende gegründet haben - und auf der anderen Seite die großen IT-Unternehmen und Konzerne, die in Deutschland und damit in Sachsen-Anhalt einen von vielen Standorten haben. Das bedeutet, dass es eigentlich genug zu tun gibt, vor allem, wenn man sich mehr den Prioritäten im Land widmen würde. Die Wahrnehmung der IT-Wirtschaft im eigenen Land ist in meinen Augen leider nach wie vor viel zu gering.
Grundlegend bleiben unsere Aufgaben aber unverändert. Unser Hauptfokus liegt dabei ganz klar auf der Frage, wie wir die Digitalisierung im Land vorantreiben können. Und das wird sich, abgesehen von kleinen Nuancen in der Umsetzung, nicht verändern.
Warum Informatik? Was begeistert dich an dem Bereich am meisten?
Neulich war ich bei einer Konferenz und wurde nach drei Dingen zu mir als Person befragt, von denen eine Sache unwahr sein sollte. Unter den drei Dingen war die Tatsache, dass ich seit 1986 selbst in der IT tätig bin und lustigerweise hat man versucht diesen Fakt als unwahr zu deklarieren. :D Tatsächlich stimmt das aber!
Für mich und für den Verband ist es eigentlich immer dieselbe Reise geblieben, die wir seit Jahren machen. Das Thema Digitalisierung gab es auch schon im letzten Jahrtausend, zwar noch nicht mit dem heutigen Impact, aber vorhanden war das Thema schon und es steigt in seiner Bedeutung seitdem exponentiell an. Damals war auch schon die Idee spürbar, was aus dem Bereich Informatik und Digitalisierung werden könnte, wenn auch noch nicht „anfassbar“ und wie das mit Sachen, die exponentiell wachsen so ist, habe ich schnell gemerkt, dass davon etwas Magisches ausgeht.
Wer dich kennt, weiß, dass du nicht nur im VITM, sondern auch in einer Reihe anderer Vereine sehr aktiv bist. Gleichzeitig liegt dir die Nachwuchsförderung im MINT-Bereich besonders am Herzen. Warum ist es dir so wichtig, dich für andere Menschen einzusetzen?
Das ist tatsächlich der große menschliche Faktor und die Frage „Wofür sind wir da?“. Mir geht es nicht um Kontostände und Zahlen. Ich habe einfach ehrliche Freude an meiner Arbeit. Natürlich müssen diese Sachen schon stimmen, aber am Ende sind Zahlen für mich nichts anderes als ein Messwert, an dem ich ablesen kann, ob etwas gut läuft oder eben nicht. Sie dienen also als Entscheidungsgrundlage, haben aber keine Magie für mich. Für mich ist die Magie mit Menschen zu arbeiten und dabei zusehen zu können, wie sie sich entwickeln. Menschen an ihr Optimum zu bringen und zu sehen, wie sie sich weiterentwickeln – das macht mir die größte Freude und bringt mich immer wieder zum Staunen. Vor allem zu sehen, wie leistungsfähig und pfiffig junge Menschen sein können, das ist unglaublich spannend. Egal ob das im eigenen Betrieb ist oder darüber hinaus, ich versuche den Leuten immer ihren Freiraum zu geben, um die eigene Weiterentwicklung zu unterstützen und zu fördern.
Das beinhaltet aber natürlich auch die Herausforderungen, die Mitarbeiter eben haben und eben auch die große Frage „Wo entwickelt sich unser Land hin?“. Das ist und bleibt die zentrale Frage und mir ist wichtig, dass die Entwicklung auch an dieser Front dynamisch ist. Und dazu gehört für mich eben auch, den jungen Leuten zu helfen, ihren eigenen Motor anzuwerfen und sich nicht auf den Außenborder von anderen zu verlassen. Das Thema Bildung nimmt da natürlich eine tragende Rolle ein, weil ich finde, dass wir auch da viel Potenzial als Land haben.
Egal ob als Unternehmer oder in der Vereinsarbeit, man merkt Sachsen-Anhalt liegt dir am Herzen. Was schätzt du an Sachsen-Anhalt am meisten?
Das ist eigentlich die Tatsache, dass wir entspannt mit uns selbst umgehen können. Wir müssen uns nichts beweisen, weil wir, platt gesprochen, ohnehin keine Chance haben der „Beste“ im Wettbewerb zu sein, was natürlich eine immense Ruhe mit sich bringt. Wir können uns also in bestimmten Punkten etwas zurücklehnen. Sachsen-Anhalt ist darüber hinaus übersichtlich, die Zusammenarbeit – egal ob politisch oder in der Wirtschaft - funktioniert sehr entspannt. Vor allem durch den persönlichen Umgang auf allen Ebenen, das ist etwas ganz anderes, als wenn anonyme Personen, die sich persönlich noch nie gesehen haben „aufeinander einschlagen“. Deswegen sehe ich eine große Chance, dass wir auch in diesen wilden Zeiten als Land Sachsen-Anhalt in einem guten Maße miteinander umgehen.
Ich persönlich komme ursprünglich aus Potsdam, habe in Dresden studiert, in Stuttgart gearbeitet und habe Sachsen-Anhalt schließlich sehr bewusst ausgewählt. Für mich passt es perfekt – die Kinderbetreuung ist sehr gut und auch die akademische Förderung des Landes hat viele Vorteile. Meine beiden Kinder haben eine exzellente Ausbildung erhalten, sowohl schulisch als auch musikalisch. Darüber hinaus ist es wirklich entspannt hier zu wohnen – man hat alles, was man braucht. Für mich die optimalen Rahmenbedingungen, um hier zu leben und alt zu werden.
aiio ist nicht nur der Name eures Unternehmens, sondern auch eures neuesten Produkts, mit dem ihr eure langjährige Erfahrung im Prozessmanagement mit den Möglichkeiten der KI kombiniert, um sie für Unternehmen jeder Branche und Größe nutzbar zu machen. Was ist eure größte Stärke?
Unsere größte Stärke liegt in unserer langjährigen Erfahrung und der daraus gewachsenen Erkenntnis, was es braucht, um Prozessmanagement neu und nach vorne zu denken. Das Prozessmanagement wichtig ist, weiß jeder der in einem Unternehmen mit Menschen zusammenarbeiten und sich abstimmen muss. Aber viele der „gängigen“ Methoden sind verstaubt, machen einfach keinen Spaß und sind teilweise auch nicht mehr sinnvoll. Und deswegen haben wir vor vierJahren nochmal den Reset-Knopf gedrückt und uns gedacht, wir machen das nochmal komplett neu und nutzen dabei auch gleich die Fähigkeiten der Künstlichen Intelligenz. Das Modellieren von Prozessen ist etwas, das hat etwas mit Zeichnen, mit Malen zu tun, was wiederum sehr individuell ist. Bitte ich drei verschiedene Menschen mir einen Baum zu malen, sehen die Ergebnisse sehr unterschiedlich aus. Jeder hat andere Fähigkeiten, den Baum zu sehen und ihn dann zu malen. Einer malt vielleicht nur einen Strichbaum, ein anderer jedes einzelne Blatt. Das ist aber ein Problem, wenn wir ein Modell von einem Prozess entwickeln wollen. Wir brauchen die unterschiedlichen Varianten, da wir nie nur einen Menschen in einer Organisation haben. Sind die Bilder aber zu unterschiedlich, haben wir keine gemeinsame Grundlage, mit der wir arbeiten können.
Die KI ist in der Lage, selbst aus dem gesprochenen Wort ein Modell zu erzeugen. So reden alle über das gleiche Bild und verstehen, es handelt sich um einen Baum – oder übertragen um einen Prozess, in dem es um Kundenbearbeitung oder Personalgewinnung geht. Der Wert des Modells besteht darin, dass er die Schnittstellen aufzeigt, wann wer dran ist, was zu tun ist und welches Ziel zu erreichen ist. Da nutzen wir in der neuen Denkweise schon sehr viele Aspekte und Möglichkeiten der KI. Man kann der Künstlichen Intelligenz nicht nur Veränderungen mitteilen, sondern auch aktiv mit ihr sprechen, sie interviewen. Das ist sehr interessant, weil man sein Verständnis daran trainieren kann. Außerdem bekommt man von der KI Optimierungsvorschläge. Ein Prozessmodell ist dann nicht nur eine Sequenz mit parallelen Ausführungsschleifen. Es enthält auch die Artefakte, die dahinter liegen – also die Zuweisung von Zuständigkeiten und Entscheidungsträgern. Wer macht den Schritt, wer führt ihn aus, wer wirkt mit, wer entscheidet. Ebenso sind die Werkzeuge mitangeheftet. So weiß man zum Beispiel, welches IT-Tool verwendet wird und welche Daten wo eingetragen werden, welche Regelwerke Einfluss haben, was es für Zertifizierungen braucht. Die KI ermöglicht, viele IT-Systeme, viele Regelwerke, viele Zuständigkeiten, viele Formulare zusammenzubringen, abzubilden und sogar Lücken oder Unstimmigkeiten zu erkennen.
Die aiio GmbH geht zurück auf die Lintra, die du mit zwei Mitstreitern vor 23 Jahren gegründet hast und aus der mittlerweile wiederum mehrere Spinoffs hervorgegangen sind. Nimm uns einmal mit durch euer Netz an unterschiedlichen Tochtergesellschaften. Wie kommt es, dass ihr euch so breit aufgestellt habt?
Manche Dinge entstehen in der Entwicklung aus Versehen, andere sind glückliche Umstände. Wenn man mit Unternehmern spricht, haben viele kreative und gute Ideen, welche wir auch unterstützt haben und weiter unterstützen wollen. Zusätzlich gibt es ein organisches Wachstum unserer eigenen Gruppe. Gestartet ist die Lintra 2002 mit einem Webtool zur Erstellung von digitalen Organisationshandbüchern im Intranet verschiedener Unternehmen. Wir haben zunächst nur additive Dienstleistungen darauf Standardsoftwaretools erbracht und aber irgendwann gesagt, wir können das selbst besser, wenn wir auch das Produkt steuern können. 2007 haben wir angefangen, ein eigenes Produkt zu entwickeln. Das heutige Quam ist eine eigenständige Software im Markt, aus deren Ideen auch aiio als Produkt hervorgegangen ist. Damit kam es zu einer organischen Trennung, da ein Produkthersteller ganz anderen Regeln und auch operativen Prozessen folgt, als das ein Dienstleistungsunternehmen macht. Damals haben wir das Unternehmen Lintra plus genannt, seit 2,5 Jahren ist es die aiio GmbH. Im Frühjahr 2024 haben wir ein Investment – eine sogenannte Series A abgeschlossen, die wir nun nutzen können, um weiter zu wachsen und die Produkte auch international auszuspielen. Den Dienstleistungsteil haben wir in die Join GmbH ausgelagert. Nach einer Fusion mit einem Unternehmen aus Eisenach 2018 können wir hier auch größere Kundenmandate bedienen.
Warum Informatik? Was begeistert dich an dem Bereich am meisten?
Zunächst einmal muss ich zugeben, ich bin gar kein Informatiker, noch nicht einmal Mathematiker. Aber was mich schon immer an den Bits und Bytes interessiert hat, sind ihre vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten und der Mehrwert, den man damit schaffen kann. Das kann man in ganz, ganz wenigen anderen Branchen. Die Möglichkeiten sind dort oft begrenzt. Mit der IT kann ich viel schneller auf Einflüsse vom Markt reagieren – mit ganz wenig Ressourceneinsatz. Das ist wichtig, auch um nachhaltig arbeiten zu können. Wir müssen nicht immer gleich etwas verschrotten oder wegschmeißen. Eine IT-Lösung zu recyclen, heißt, sie besser zu machen. Deshalb liebe ich das Konstrukt Digitalisierung auch. Ich habe in Magdeburg bei der FAM Ende der 90er Jahre während meiner Ausbildung mitwirken dürfen als dort ein neues ERP-System implementiert wurde. Man hat damals auf SAP umgestellt und als Auszubildender wird man schnell mal zur Datenpflege animiert und darf dann große Listen in Systeme reinpflegen. Scheinbar habe ich mich dabei nicht ganz doof angestellt, sodass mir der dortige IT-Leiter auch noch die eine oder andere Aufgabe gegeben hat, auch mal in Datenbanken zu denken. Und da habe ich mich tatsächlich in Datenbanken verliebt. Welche Zustände man datenbanktechnisch abbilden kann und was ich mit einem einmal eingetragenen Datum noch alles machen kann, wie ich das interpretieren kann, wenn ich Zusammenhänge zwischen Datensätzen mit anderen Datensätzen in anderen Tabellen herstelle. Und dann ging plötzlich bei mir ein Universum auf und dann hat es gesprudelt und das hat mich bis heute nicht mehr losgelassen.
Vor einigen Jahren habt ihr euch im Unternehmen entschieden, euch strukturell neu aufzustellen und das Holokratie-Modell bei euch eingeführt. Warum passt das so gut zu euch? Was war für dich als Geschäftsführer die größte Herausforderung in diesem Prozess?
Das Erfolgsrezept liegt eigentlich darin, es nicht beim Namen zu nennen. Wir sind zu dieser Managementmethode gekommen, weil man in seiner unternehmerischen Rolle irgendwann an seine Grenzen kommt. Heutzutage sieht man sich als Unternehmer so vielen verschiedenen Themen gegenüber, von der Personalgewinnung und -führung, über Produktentwicklung bis hin zur Vermarktung und Buchhaltung. Um ein Unternehmen wachsen zu lassen, ist es wichtig, die Betroffenen, also die Mitarbeitenden zu Beteiligten zu machen, ihnen also ein Stück „Macht“ abzugeben. Dazu gibt es verschiedene Methoden, aber uns gefällt das Holokratie-Modell, weil es auch die Instrumente mit an die Hand gibt, wie man mit dem Mitarbeitenden zusammen diese neuen Prozesse umsetzt. Zum einen darüber nachzudenken, ob die operativen Prozesse, das tägliche Tun, die Taktik die richtige ist. Zum anderen aber auch zu überlegen, ob die interne Struktur der Organisation, die eigenen Spielregeln und Richtlinien dazu passen - der sogenannte Governance-Teil. Wo waren und sind die Probleme? Wie können wir sie angehen? Das ist eine Offenheit, die muss man in einem Unternehmen auch zulassen. Unsere Kollegen schätzen das sehr. Vor allem auch, dass man auch den Geschäftsführer beim Namen nennen und korrigieren kann. Für diesen Beratungsprozess nutzen wir im zweiwöchentlichen Takt ein festes, einstündiges Meeting, da der benötige Perspektivwechsel, um am Unternehmen zu arbeiten, am besten in Gesprächen zu Stande kommt. Das ist für mich ein heiliges Meeting, das nicht ausfällt, sondern immer stattfindet. Und das ist für mich das Schöne an diesem Modell, zumindest im Gespräch zu bleiben, in Kontakt zu bleiben. Man hat ein paar Handwerksmittel, mit denen man eben nichts wegschlucken muss. Das wäre das Schlimmste.
Du bist ein absoluter Lokalpatriot, engagierst dich vor Ort, kennst viele spannende Geschichten über die Region und bist in großer Regelmäßigkeit beim SCM und FCM anzutreffen. Was schätzt du an Sachsen-Anhalt am meisten?
An Sachsen-Anhalt schätze ich am meisten die Entwicklungspotentiale. Ich sehe in den Themen, die in der nächsten Zeit auf das Land zukommen auch riesige Chancen. Durch das Ansiedeln vieler neuer Menschen, gern auch auf internationaler Ebene wird es einen Kulturwandel geben, dem ich sehr positiv entgegenblicke. Das ist keine Entfremdung, die oft proklamiert wird, sondern es ist eine absolute Bereicherung für dieses Land – auch mal gemeinsam ein Fest aus einem anderen Kulturkreis zu feiern oder gemeinsam zu essen. Ich mag die Star Trek Analogie. Da geht eine ISS Enterprise raus und versucht Freundschaft in der gesamten Galaxie und den anderen fernen Galaxien zu ermöglichen. Ich bin in Magdeburg geboren, war aber auch viel auf Reisen, beruflich und privat. Ich habe anderthalb Jahre auch mal auf dem Land gelebt. Dann brauchte ich aber wieder mein Stadtgefühl. Die Vielfältigkeit unseres Landes ist genial. Sachsen-Anhalt macht zu jeder Jahreszeit Spaß und bietet viel verschiedene Natur: die Börde mit den weiten Feldern mit einem sehr weiten Blick, den man sonst in Skandinavien sucht, die absolute Ruhe in der Altmark, der größte Lindenwald Europas in Colbitz, die Elbauen, die ich immer gerne mit dem Auenland bei den Hobbits vergleiche, die Berge und Burgen im Süden. Wir haben die meisten Dialekte in Deutschland - von fürchterlich bis wunderschön. Wir haben so abwechslungsreiche Sicht, da muss man fast nirgendwo anders hin.
Beim Flying Circus betreibt und hostet ihr individuell entwickelte geschäftskritische Anwendungen. Dabei bietet ihr Unternehmen umfassende Lösungen aus Open-Source-Produkten und individueller Dienstleistung an, die die Zusammenarbeit zwischen Entwicklung (Dev) und Betrieb (Ops) bewusst ins Zentrum setzen. Was bedeutet das in der Praxis? Was ist eure größte Stärke?
Das ist eine ziemlich komplexe Frage, die einer komplexen Antwort bedarf. :D
Wir arbeiten momentan in einem Umfeld, in dem sehr auf Skalierung geachtet wird, hauptsächlich um Prozesse zu automatisieren und mit dem verfügbaren Personal produktiver zu sein. Zusammenfassend kann man sagen, dass unsere Kunden Unternehmen sind, die individuelle Software einsetzen und für den reibungslosen Betrieb auf unsere Unterstützung setzen. Die Entwickler*innen unserer Kunden haben dabei die Aufgabe, Features zu entwickeln und durch innovative Ansätze ihr Unternehmen nach vorne zu bringen. Der Betrieb kann im Tagesgeschäft hier schnell zur Last werden und davon ablenken. Wir übernehmen deshalb die Betriebsverantwortung oder begleiten Entwickler*-innen-Teams, damit der Raum für Innovation nicht verloren geht.
Früher hat man das ganze zyklisch gehandhabt – meistens abhängig von getätigten Investitionen und damit verbundenen Abschreibungen. Das hatte natürlich zur Folge das nach einem Zyklus, bspw. nach 5 Jahren Abschreibungszeitraum, eine größere Reinvestition in Prozesse oder Produkte getätigt werden musste. Im Rahmen eines agilen DevOps-Ansatzes unterstützen wir dabei kleinere Schritte zu machen – dafür aber häufiger. Damit reduzieren wir auch das Risiko eines großen Einzeleingriffs und unsere Kunden können schneller auf neue Anforderungen reagieren. Das ist ein vielschichtiges Feld und wir als Flying Circus arbeiten dabei zusätzlich noch sehr breit aufgestellt: wir fangen bei unserem Infrastruktur-Angebot mit eigener Hardware an und kümmern uns im Rahmen von Kundenprojekten um alle operativen Details einer Anwendung bis hin zu taktischer und strategischer Beratung für Entwickler*innen und Entscheider*innen rund um ihre digitalen Produkte – aus Betriebsperspektive. Wir setzen uns damit nicht transaktional mit unseren Kunden auseinander, sondern bauen unsere Projekte kollaborativ. Dabei steht häufig die Kommunikation mit Kund*innen und Entwickler*innen im Vordergrund.
Wir sitzen gerade sozusagen in eurem Wohnzimmer, dem Koffij der SaltLabs. Nimm uns mit auf die Reise - wie kam es zu der Entstehung der SaltLabs und wo steht ihr heute?
Der Ursprung der SaltLabs geht ins Jahr 2017 zurück, damals war der Flying Circus noch im sogenannten Medizinerviertel angesiedelt. 2005 sind wir nach Halle gekommen, zu dem Zeitpunkt noch als „gocept“, aus dem wir dann später den Flying Circus ausgegründet haben. Die Pacht für unseren damaligen Standort lief aus und wir konnten über das Investment der IBG mit einem Mal viel mehr Kontakte zu anderen IT-Unternehmen aus Halle knüpfen. Viele der Unternehmen brauchten damals urbane und zentrale Räumlichkeiten und wir haben uns schließlich zu einer Gruppe von sieben Unternehmen mit knapp 70 Arbeitsplätzen zusammengeschlossen und in Halle herumgefragt. Glücklicherweise ist das Thema Digitalisierung damals an vielen Stellen in der Stadt in den Vordergrund gerückt, sodass wir als Gruppe von Unternehmen, die alle “irgendwas mit Digitalisierung” machen, auch mit Aufmerksamkeit bedacht worden sind.
Im Februar 2018 haben wir den Inhaber dieses Gebäudes kennengenelrnt und es hat schon beim ersten Treffen „gefunkt”. Allen Beteiligten war damals schon klar, dass wir etwas Besonderes aus der Location machen möchten – vor allem mit einem Café, wie man es heute hier sieht, und einem Coworking-Ansatz.
Für die Konzeptionierung des Cafés konnten wir damals die ehemaligen Betreiber des Restaurants “Immergrün” gewinnen, was natürlich ein toller Auftakt war, der bis heute nachwirkt. Wir alle fanden aber vor allem die Idee gut, jungen IT-Unternehmen oder Startups mit Bezug zur Digitalisierung die Möglichkeit auf einen flexiblen und hochwertigen Arbeitsplatz zu geben – ohne sich in Standardbüros an 10-Jahres-Verträge knebeln zu lassen. Dazu passend wurde vom Eigentümer strategisch in substantiell in die Netzwerkstruktur des Gebäudes investiert. Das merkt man unter anderem daran, dass das offene WLAN nicht nur durchgängig im Haus sondern schon in der Fußgänger-Zone vor dem Café zuverlässig und schnell funktioniert. :D Wichtig ist uns immer die Flexibilität: Unternehmen oder Mitarbeiter*innen können sich in den SaltLabs ganz einfach einen Platz im Coworking-Space tageweise oder mittel- und längerfristig einzelne Räume oder ganze Büroeinheiten mieten. Man kann aber auch einfach im Café arbeiten oder eben draußen auf der Parkbank über unser gutes Netz :D
Dabei waren wir tatsächlich auch schneller, als die städtischen Mühlen damals gemahlen haben. Als wir nach wenigen Monaten schon im Juni 2018 eingezogen sind, sorgte das an einigen Stellen für Überraschung. Aber wir freuen uns auch heute noch bei öffentlichen Veranstaltungen die politischen Meinungsträger der Stadt begrüßen zu dürfen.
Eine Sache ist für uns alle aber auch klar: die SaltLabs sind kein abgeschlossenes Projekt. Auch heute noch arbeitet das Team der SaltLabs mit dem Eigentümer ständig an neuen Angeboten und investiert weiter – je nach Bedarf und Entwicklungen. Auch eher traditionelle Immobilienprojekte kann man offensichtlich agil gestalten.
Warum Informatik? Was begeistert dich an dem Bereich am meisten?
Das “Warum” kann ich gar nicht mehr genau sagen. Ich habe mir schon als Kind aus Büchern meinen eigenen „Phantasie“-Computer zusammengebaut. Mein Vater hatte damals zu DDR-Zeiten auch ab und an einen Rechner nach Hause gebracht, von dem ich begeistert war. So hat sich das durch meine ganze Kindheit gezogen. Mit 12 habe ich dann auch angefangen mir im Selbststudium das Programmieren beizubringen. Später habe ich an meiner Schule in Dessau dann auch das Informatikkabinett aufgebaut, das hat mich und meine Entwicklung enorm geprägt. Dabei hatten wir zu dieser Zeit noch keinen Informatiklehrer, aber einen Referendar, der mich in vielen Hofpausen mit Aufgaben versorgt hat, die über das Schullevel weit hinaus gingen. Irgendwann war ich dann einfach auch gut vernetzt und es war klar, dass ich in die Richtung studieren werde. Am Ende ist es dann ein Studium in Jena geworden. Das musste ich allerdings kurz vorm Vordiplom beenden, weil es mit meinem ersten Unternehmen – das ich mit 18 Jahren zusammen mit meinen Schulfreunden gegründet habe – „zu gut“ lief und ich mich zwischen Studium und Unternehmen entscheiden musste. Aber da stehe ich zum Glück nicht allein mit da: es gibt zum Glück eine gewisse Tradition, dass viele gute Informatiker ihr Studium “erfolgreich abgebrochen” haben. ;)
Am meisten begeistert mich an dem Thema Informatik oder Software, dass einfach nichts in Stein gemeißelt ist. Man kann alles an einer Software ändern und flexibel anpassen – Stück für Stück. Ich finde dieses Herangehen auch viel effizienter als eine vermeintlich fertige und fixe Lösung auf den Markt zu bringen. Software ermöglicht es uns, eine komplexe Lösung auch in kleinerem Umfang zu erarbeiten und dann durch Feedback beim Kontakt mit der Realität kontinuierlich weiterzuentwickeln und damit viel schneller zu einer gut passenden und flexibeln Lösung zu gelangen. Das geht ein bisschen gegen das traditionelle deutsche Ingenieurstum, bei dem für jedes Problem aus einer vorab bekannten Menge von Lösungen die richtige ausgewählt und parametrisiert wird. Meiner Meinung nach kann man so heutzutage aber nicht mehr arbeiten, weil es eben auch Faktoren gibt, die sich erst während des Prozesses entwickeln und auf die man flexibel reagieren muss. Eine perfekte, vorgefertigte Lösung gibt es in meinen Augen in der IT oder Digitalisierungsbranche nicht mehr. Und genau das macht das Gebiet für mich auch so spannend.
Ihr habt den Flying Circus vor zehn Jahren gegründet. Was war für dich die spannendste Lektion in diesen Jahren?
Davon gab es einige. Dabei ist natürlich wichtig, dass der Flying Circus keine komplette Neugründung, sondern eine Ausgründung aus einem bestehenden Unternehmen war – und das bringt natürlich einiges an Lektionen mit sich.
Das größte unternehmerische Erkenntnis für mich ist wohl, dass man sich immer wieder seines Fokus vergewissern muss. Wir machen im Detail viele Dinge gar nicht so viel anders als unsere Marktbegleiter, aber weil wir an vielen Stellen konzeptionell anders gedacht haben, wird das große Ganze dann doch ganz “anders”. Und gleichzeitig wird man immer damit konfrontiert, dass das auch nerven kann. Man wird dann gefragt “Warum macht ihr das nicht wie Wettbewerber X?”. Unternehmerisch kann ich dann nur sagen: man muss zwar mit dem Markt kompatibel sein, aber wenn jemand von Wettbewerber X kaufen will, dann hilft es ja nicht, wenn ich einfach mache was Wettbewerber X macht. Beim Original kaufen setzt sich meistens durch. Gleichzeitig machen wir Sachen eben auch nicht einfach so anders nur um anders zu sein, sondern weil wir an ganz vielen kleinen Stellen bewusst andere Schwerpunkte setzen - beispielsweise, dass wir Beziehungen - egal ob zu Kunden oder Partnern - immer kollaborativ aufbauen - und sich das eben auf unser Dienstleistungs- und Produktangebot auswirkt.
Menschlich gesehen habe ich, was unser Team angeht, immens dazulernen müssen. Je größer das Team, desto mehr musst Du als Geschäftsführer über Führung lernen. Mein Mitgründer Christian Zagrodnick und ich sind grundsätzlich Informatiker und keine klassischen Manager. Mittlerweile haben wir uns auf ein Management-Paradigma festgelegt, das sich auf Führung konzentriert und auf den “Manager Tools” basiert. Im Kern geht es dabei darum, dass ein Manager zwei Verantwortlichkeiten im Auge behalten muss: “Results and Retention”. Also: dass das Team hier und jetzt Arbeitsergebnisse liefert und gleichzeitig nachhaltig aufgestellt ist. Speziell in wissens-basierten Branchen ist es besonders notwendig darauf zu achten, dass jede einzelne Mitarbeiter*in langfristig im Team gut aufgehoben ist und nicht ständigen kurzfristigen Leistungsabruf verbrannt wird. Gerade in einem wachsenden Team ist diese Balance manchmal schwierig, weil nicht für jedes neue Team-Mitglied offensichtlich ist wie “Wohlfühl-Kultur” und “Performance-Drive” richtig zusammenpassen.
Was schätzt du an Sachsen-Anhalt am meisten?
Ich bin in der Vergangenheit beruflich sehr viel unterwegs gewesen – vor allem in die USA und Finnland bin ich zeitweise regelmäßig gereist – da war es jedes Mal ein kleiner Kulturschock wenn ich den direkten Vergleich zwischen New York und meiner Geburtsstadt Dessau wahrgenommen habe - zumal Dessau in meiner Kindheit eben eine Großstadt war. :D
Für mich sind Städte wie Berlin oder Leipzig aber auch zu groß für meinen Alltag. Halle ist für mich deshalb perfekt – insbesondere was die Erreichbarkeit innerhalb der Stadt angeht. Da ich in der Stadt lieber mit dem Fahrrad als dem Auto unterwegs bin, ist es gut, dass ich die meisten Stellen in der Stadt in 15-20 Minuten gut mit dem Fahrrad erreichen kann. Gleichzeitig kommt man von Halle durch die gute ICE-Anbindung auch schnell nach Berlin, München oder Frankfurt und mit dem Flughafen sind wir auch international gut angebunden.
Dazu hatte ich das große Glück, dass meine Frau samt Schwiegereltern aus Stuttgart mit hergezogen ist und wir zu einigermaßen vernünftigen Preisen ein Haus in der Stadt erwerben konnten. Und neben den Immobilienpreisen sind auch die Kinderbetreuung und Schulsituation deutliche Pluspunkte: neben den absolut fairen Preisen ist auch die Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit der Betreuung um Welten besser als wir dies in Stuttgart erlebt haben. Der Vermieter der Saltlabs hat es ganz gut auf den Punkt gebracht – er investiert in „Übersehstädte“, also Städte, die im Vergleich zu den großen Metropolen noch etwas unter dem Radar schwimmen.
Ihr bietet euren Kunden Dienstleistungen und mit Cranium und Polarith AI auch Produkte in den Bereichen Softwareentwicklung, Automation/Ingenieurwesen und künstlicher Intelligenz an? Was ist eure größte Stärke?
Das ist ganz klar unsere Flexibilität. Dadurch, dass wir so breit aufgestellt sind und unser Team zu gleichen Teilen aus Ingenieuren und Informatikern besteht, können wir Nischen erschließen, die man mit einem reinen Ingenieurs- bzw. Entwicklerfokus gar nicht erkennen würde. Da geht’s beispielsweise darum, wie man Sensoren benutzt, um Prozesse zu automatisieren. Dabei hat man immer ein komplexes Problem, das gelöst werden soll und es geht darum, zuerst einmal den Prozess als Solches zu verstehen – und eben nicht nur aus der Sicht eines IT-lers zu betrachten.
Erst im Anschluss kommen unsere Expertisen ins Spiel und wir schauen gemeinsam, mit welcher KI, oder welcher Soft- bzw. Hardware wir das Problem xy flexibel lösen können. Diese Flexibilität, zu unseren Kunden sagen zu können „Ich schaue mir Ihr Problem ganz individuell an und entwickle dann eine spezielle Lösung, die genau dazu passt“ – das ist unsere Stärke.
Gestartet seid ihr 2016 im Bereich Simulations- & Spieleentwicklung. Wie kam es zu der Neugestaltung eures Geschäftsmodells?
Da gibt es ein Sprichwort: „Leben ist das, was passiert, während man damit beschäftigt ist andere Pläne zu machen.“, und das trifft auch auf uns zu. Wir haben damals das erste Business Model entwickelt und schnell gemerkt, dass wir den Markt unterschätzt haben. Also haben wir uns zwangläufig nach anderen Optionen umgesehen und angefangen nicht mehr nur für Spiele, sondern auch für reale Anwendungen Simulationen zu schreiben. Das war der erste Schritt aus dem Gaming-Fokus raus in die reale Welt. Der Kern ist dabei also gleichgeblieben, aber wir haben unsere Anwendungsbereiche bei der Produktentwicklung viel weiter geöffnet.
Warum Informatik? Was begeistert dich an dem Bereich am meisten?
Ich muss sagen, ursprünglich wollte ich eigentlich Lehrer werden, weil ich gern Sachverhalte erkläre. :D Die zwei nächstliegenden Optionen für mich waren eine Karriere im Elektroingenieurwesen oder in der Informatik. Letztlich hat die Informatik für mich am meisten Sinn gemacht, einfach viel man von jetzt auf gleich Sachen programmieren kann, ohne beispielsweise von speziellem Equipment abhängig zu sein.
Franz und du wart bereits befreundet, bevor ihr gegründet habt, und ihr habt auch zum Team ein sehr enges Verhältnis. Ist das in herausfordernden Situationen eure geheime Superkraft oder macht es das manchmal auch besonders schwer?
Beides ja. :D Es ist natürlich in vielen Situationen super, wenn man sich persönlich gut versteht und Dinge auf dem einfachen Weg klären kann. Auf der anderen Seite kann es passieren, dass man aneinander vorbei arbeitet, wenn man bestimmte formale Prozesse nicht hat, die man im Normalfall als Unternehmen unbedingt besitzen sollte.
Formale Prozesse sind also unabhängig davon, wie gut man sich versteht sehr wichtig – darauf legen wir viel wert. Wir haben uns jetzt auch ein ERP System zugelegt, worüber wir sämtliche Prozesse tracken und transparent einsehen können. Solche Prozesse sind einfach nötig, um langfristig erfolgreich zu sein und zu wachsen. Meiner Meinung nach bleibt das Wachstum auf der Strecke, wenn man im Beruflichen nur kameradschaftlich miteinander umgeht. Nichtsdestotrotz möchte ich beide Seiten – den freundschaftlichen Umgang und den unternehmerischen Aspekt dabei - auf keinen Fall vermissen.
Du kommst ursprünglich aus Magdeburg, hast hier studiert und auch gegründet. Was schätzt du an Sachsen-Anhalt am meisten?
Dass man hier alles machen kann, was man möchte, ohne dass es zu überfüllt ist. Das klingt jetzt salopp, aber hier findet man noch Nischen und Orte, die eben nicht so überlaufen sind wie in anderen Bundesländern. Das zählt auch für die Wirtschaft bzw. die Marktnachfrage. In Sachsen-Anhalt findet man noch leichter Zugänge zum Markt und damit auch zu langfristigen Partnerschaften.
Abgesehen davon, bin ich persönlich kein großer Fan von Großstädten. Magdeburg und Halle hingegen haben für mich die perfekte Größe – man kommt mit dem Fahrrad in wenigen Minuten überall hin und findet trotzdem alles, was man braucht. Das in Kombination mit einer guten Mischung aus Stadt, Grün und Menschen macht das Bundesland für mich einfach unschlagbar.
bmp Ventures verwaltet bereits seit 2015 die Risikokapitalfonds der IBG Beteiligungsgesellschaft Sachsen-Anhalt. Was genau bedeutet das? Was ist eure größte Stärke?
Wir als bmp Ventures haben die Möglichkeit, die Risikokapital Fonds Sachsen-Anhalts zu managen und damit Investments in die Startups des Landes zu tätigen und bei der Ansiedlung von spannenden Unternehmen zu helfen. Im Endeffekt zielt das Ganze darauf ab, dass wir mit den Mitteln des Landes die Verantwortung übernehmen dürfen, Startups und innovative Jungunternehmen bereits ab ihren frühesten Phasen nachhaltig zu unterstützen und ihnen bei der langfristigen Entwicklung und der Schaffung von Arbeitsplätzen zu helfen.
In Deutschland existieren in jedem Bundesland unterschiedliche Wirtschaftsförderungsprogramme und Maßnahmen - und ein Teil davon ist eben auch die Bereitstellung von Risikokapital für frühphasige Unternehmen, oder Unternehmen mit einem gewissen Grundrisiko oder Kapitalbedarf, die aus verschiedenen Gründen nicht zur Bank gehen können.
Interessanter Fact: In anderen Bundesländern verwalten in irgendeiner Form die unterschiedlichsten Tochtergesellschaften der Länder die Fonds selbst - in Sachsen-Anhalt ist es so, dass die Fonds aktiv von bmp gemanaged werden. Die IBG tätigt führt also das operative Geschäft nicht selbst durch, sondern hat dafür einen Partner gesucht. Und genau dieser Partner sind wir. Mit unserer Gründung im Jahr 1997 gehören wir zu den renommiertesten VC Investoren Deutschlands und bringen viel Erfahrung und Expertise in den Bereichen Venture Capital, Investment und Startup mit. In unserem großen Netzwerk, unserer Erfahrung, aber auch in unserem operativen Setup wo wir z.B. die Möglichkeit haben unterschiedliche Veranstaltungen wie etwa der bmp Unternehmer Lounge oder unserem Portfolio Day durchzuführen, liegt am Ende wahrscheinlich auch unsere größte Stärke. Zusätzlich beteiligen wir uns gerade in der frühen Phase auch oft als Lead Investor und unterstützen die Geschäftsführung stark in sämtlichen Prozessen.
Folgende Situation: In deinem Posteingang landet ein Pitch Deck, das du spannend findest. Wie geht es jetzt weiter? Wie sehen die Schritte vom ersten Kontakt bis zur Investition aus?
Das ist ein wahnsinnig spannender Prozess, der von Startups gern mal als „Black Box“ bezeichnet wird. Aber am Ende ist es bei uns ein relativ standardisiertes Vorgehen, dem wir versuchen während der Analyse zu folgen.
Angenommen wir haben die Bewerbung eines Startups vorliegen, dass für die IBG und das Bundesland interessant sein könnte, dann kommt es im ersten Schritt zum sog. First Screening oder der Desktop Due Diligence.
First Screening:
Ich schaue mir das Pitch-Deck an und ziehe mir die Basisinfos heraus: Wer macht das? Wie wird es gemacht? Wie weit ist das Unternehmen in der Entwicklung? Wie hoch ist der Investitionsbedarf?
Das heißt an dieser Stelle schauen wir, ob ein erster Match mit bmp und den ibg Fonds stattfinden kann. Dabei orientieren wir uns auch an der RIS – also an der Regionalen Investitionsstrategie des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Innerhalb dieses Rahmens bewerten wir, ob ein Unternehmen zu uns bzw. zu unseren Leistungen passt. Da wir als bmp Ventures vor allem als Frühphaseninvestoren tätig sind – uns also vor allem in den Phasen „Pre Seed“, „Seed“ und „Series A“ befinden – müssen wir natürlich schauen, ob die Unternehmen sich in diese Phasen einkategorisieren lassen.
Erstes Gespräch:
Wenn wir merken, dass es für uns grundsätzlich passt, führen wir mit den Unternehmen gern ein erstes Gespräch. In der Regel sind das mittlerweile alles Zoom Calls, die zwischen 30 und 60 Minuten dauern. Dabei geht es auch darum, die bmp vorzustellen und dem Unternehmen die Chance auf einen weiteren kleinen Pitch zu geben, bei dem wir als Investment Manager dann auch erste Fragen stellen. Anhand des Meetings bekommt man schnell ein Gefühl für das Unternehmen und die Protagonisten dahinter.
Internes Investment Meeting:
Im nächsten Schritt geht es dann für mich bzw. meine Kolleg:innen in unser internes Investment Meeting, das alle zwei Wochen stattfindet und bei dem alle potenziellen neuen Investments - je nach Phase - durchgesprochen werden. Am Anfang wird ein Unternehmen dann vom jeweiligen Manager vorgestellt und es werden erste Fragen geklärt. Wenn wir dann beschließen, dass ein Unternehmen wirklich interessant ist und entsprechende Kapazitäten dafür investiert werden sollen, dann kommt es zur „vertiefenden Analyse“-Phase.
Vertiefende Analyse:
In dieser Phase erhalten wir als Investmentmanager:innen, Associates und Analyst:innen die Möglichkeit, uns noch intensiver mit dem Case zu befassen. Dies bedeutet, dass wir vertiefende Fragen stellen, den Finanzplan und die Wettbewerbslandschaft prüfen sowie Referenzgespräche mit Kontakten aus unserem Netzwerk führen.
Erste Präsentation vor den Partnern:
Anschließend findet eine erste Präsentation des Cases vor unseren Partnern statt. Das machen wir normalerweise in Eigenregie und erstellen eine Kurzvorstellung des Unternehmens. Das dient als Voraussetzung und Vorbereitung für die Erstellung eines Term Sheet.
Term Sheet:
Ein Term Sheet ist eine Art Vorvertrag, in dem man sich mit dem Startup auf die groben Investment Terms wie z.B. die Höhe des Investments und die Investorenrechte einigt. Dabei unterstützten uns immer auch unsere zwei juristischen Kolleginnen hier bei bmp.
Due Diligence:
Nach einer hoffentlich erzielten Einigung über das Term Sheet kommt es zur Due Diligence Phase. Dabei handelt es sich dann um die tiefgehende Unternehmensprüfung in den verschiedensten Bereichen:
Legal DD (rechtliche Prüfung), Financial DD (Prüfung Finanzplanung und -unterlagen), Tech DD (Technik- und Produktprüfung), People DD (Team), Commercial DD (Wettbewerbsanalyse, Analyse Geschäftsmodell)
Dieser Prozess ist tatsächlich sehr intensiv, weil man sozusagen in jede Ecke des Unternehmens schaut, um zu prüfen, ob die Angaben und Annahmen aus dem vorherigen Analyseprozess auch korrekt sind und auch viel mit den Teams im Austausch ist.
Investment Committee und BTA:
Zum Abschluss finden bei uns, der bmp Ventures, zwei Gremiensitzungen statt. Zunächst tagt das interne Investment Committee (IC), an dem die drei Partner von bmp teilnehmen. In diesem Rahmen wird der vorgestellte Case ausführlich diskutiert und gemeinsam entschieden, ob dieser dem externen Gremium zur Präsentation vorgelegt werden darf.
Das externe Gremium besteht aus dem Beteiligungsausschuss des Bundeslandes Sachsen-Anhalts, bei dem dann seitens der IBG final entschieden wird, ob ein Investment stattfinden darf. Der BTA setzt sich aus mehreren Mitgliedern aus Landespolitik und -wirtschaft zusammen und prüft final das vorgeschlagene Investment.
Der letzte Step ist dann in der Regel der gemeinsame Gang zum Notar.
Warum Startups? Was begeistert dich an dem Bereich am meisten?
Meinen ersten Kontaktpunkt zu Startups hatte ich im Jahr 2016 als ich Praktikant bei Flixbus war. Davor war ich unter anderem für Siemens und DATEV tätig, die beide ja sehr „konzernlastige“ Strukturen haben. Ich hatte mich daher ganz bewusst dafür entschieden, nochmal etwas anderes auszuprobieren. Bei Flixbus habe ich genau diese anderen Erfahrungen gesammelt. Damals 2015 wurde der europäische Fernbusmarkt von Flixbus/Meinfernbus quasi „erobert“, was eine super spannende Zeit war. Ich hab damals auch mit den Gründern des Unternehmens zusammengearbeitet und die dortige dynamische Arbeitswelt mit all den jungen Kolleg:innen sehr genossen. Es war sehr spannend zu sehen, wie ein junges Unternehmen mit ganz neuer Technologie einen neuen Markt in so kurzer Zeit erschließt.
Auch meine anschließenden Stationen, bspw. bei Hello Fresh, haben diesen dynamischen, jungen Drive widergespiegelt, bei dem man aus einer Eigeninitiative heraus etwas Neues, Innovatives schafft. Die Lernkurve war zu der Zeit sehr steil für mich. Dieses unternehmerische Denken fand ich aber schon immer sehr spannend - meine große Inspiration war da schon mein Großvater, der auch Unternehmer war.
Bevor du zu bmp gekommen bist, hast du bereits in unterschiedlichen Startups gearbeitet und sogar selbst gegründet. Wie beeinflusst das deine tägliche Arbeit?
Ich hatte das große Glück, mit einigen wirklich tollen Startups zusammenzuarbeiten und auch eine eigene Gründung zu durchlaufen. Ich durfte dadurch wahnsinnig viel von meinen Kolleg:innen und anderen Gründer:innen lernen. Bspw. wie man hartnäckig bleibt trotz Herausforderungen und Fettnäpfchen in die ich selbst als Gründer getreten bin :D
Ich versuche mich in die Unternehmen und Startups, mit denen ich ins Gespräch komme, hineinzuversetzen und herauszufinden, mit welchen Chancen und Herausforderungen ein Unternehmen in bestimmten Phasen zu kämpfen hat. Durch ehrliches Feedback und persönliche Ratschläge, die ich damals vielleicht selbst gerne gehabt hätte, stehe ich den Startups dann immer zur Seite.
Du kommst ursprünglich nicht aus Sachsen-Anhalt und wohnst aktuell in Berlin. Was schätzt du an Sachsen-Anhalt am meisten?
Genau, ich wohne seit 8 Jahren in Berlin und bin seit etwas mehr als 1,5 Jahren jetzt hier bei bmp Ventures und muss ehrlich sagen ich hatte davor kein genaues Bild von Sachsen-Anhalt als Bundesland. Ich war zwar schon öfter hier, hatte aber keinen wirklichen Bezug zu den Sachsen-Anhalter:innen. In den knapp 1,5 Jahren hatte ich jetzt die Möglichkeit vermehrt im Bundesland unterwegs zu sein und habe unglaublich viele interessante Menschen getroffen, die alle auf ihre Art für das Bundesland stehen. Was mir dabei wirklich gefällt, ist die Tatsache, dass so viele Menschen versuchen, das große unternehmerische Potenzial des Landes auszuschöpfen und gemeinsam voranzugehen.
Außerdem ist Sachsen-Anhalt ein wirklich schönes Bundesland! Ich war vor Kurzem erst in Wittenberg und in der Weinregion Saale-Unstrut um Naumburg und bin von der Landschaft und dem Flair des Landes sehr angetan.
Eure Softwarelösung „livil“ ermöglicht Fahrern während der Fahrt produktiv und sicher zu arbeiten. Wie funktioniert das?
Unsere Software wird im Auto über Sprache genutzt und durch KI assistiert. Über die App erhält der Nutzer Zugang zu allen Kanälen des täglichen Lebens wie etwa zu Emailprogrammen, Instant Messaging, Dateien, Kalendern und Ähnlichem. All diese Tools und Applikationen werden miteinander gekoppelt und an unsere KI Module angeschlossen. Dem Fahrer oder der Fahrerin werden so auf Basis der künstlichen Intelligenz nur die relevanten Benachrichtigungen und Mitteilungen genannt, die wirklich Aufmerksamkeit benötigen.
Ein Beispielszenario wäre: Ein Fahrer hat in seinem Kalender um 14 Uhr einen Termin stehen und bekommt über einen Instant Messaging Service die Anfrage, ob er genau um diese Uhrzeit Zeit für einen anderen Termin hätte. Die KI erkennt nun, dass die Terminanfrage mit dem bereits bestehenden Termin kollidiert und schlägt dem Fahrer vor, die Anfrage abzulehnen und einen neuen Termin vorzuschlagen.
Das Ganze funktioniert für sämtliche Softwareanbieter - egal ob IOS oder Android - und in den Neufahrzeugen der letzten 8 Jahre. Darin ist die Vorbereitung für Android Auto oder Apple Car Play bereits installiert. Diese Software nutzen wir natürlich für die Implementierung von "livil". Darüber hinaus arbeiten wir auch mit Automobilherstellern zusammen, die "livil" direkt in ihre Wagen implementieren.
Im vergangenen Jahr konntet ihr bereits Nissan als Kunden gewinnen. Was sind eure nächsten Ziele?
Wir möchten einen Beitrag dazu leisten, dass sich Leute während der Autofahrt nicht genötigt fühlen zum Handy greifen zu müssen. Gerade in Deutschland ist die Ablenkung bei der Fahrt ein großes Problem. Vor allem wenn man bedenkt, dass genau diese Ablenkungen häufiger zu tödlichen Unfällen führen, als bspw. Trunkenheit am Steuer. Wir möchten einen Beitrag dazu leisten, genau das zu vermeiden. Die Zusammenarbeit mit Automobilherstellern ist dabei genau der Weg, den wir gehen müssen. Künftig wird z.B. unsere Lösung auch über den CARIAD App Store in Fahrzeuge der VW Gruppe kommen.
Warum digitale Lösungen? Was begeistert dich an dem Bereich am meisten?
Ganz simpel: Die Möglichkeit viele Leute zu erreichen und einen nachhaltigen Mehrwert mit einem vergleichsweise kleinen Team zu generieren. Im Auto ist das ganze digitale Umfeld noch recht neu und man hat die Möglichkeit, Prozesse noch neu zu denken und bspw. ein neues User Interface zu schaffen.
Einer deiner größten Erfolge bisher war laut eigener Aussage, dass du vor livil mit deiner Arbeit in einem Startup Stipendien für unterprivilegierte Kinder in Kenia finanzieren konntest. Warum ist dir soziales Engagement so wichtig?
Was mich daran fasziniert hat, war die Tatsache, dass ich viele Leute dafür begeistern konnte, einer Idee zu folgen, die solch einen großen Einfluss auf das Leben der Studierenden hat. Die Menschen für eine Idee empfänglich zu machen und zusammenzubringen, hat mich wirklich begeistert. Was mich an Entrepreneurship grundsätzlich interessiert, ist eben genau dieses Zusammenbringen von Leuten und das gemeinsame Brennen für die wirklich relevanten Dinge. Das trifft auch auf "livil" zu - die Menschen dazu zu motivieren, gemeinsam für weniger Unfälle aufgrund von Ablenkungen beim Fahren zu sorgen und damit ggf. Leben zu retten, das ist für mich persönlich unglaublich wichtig.
Du kommst ursprünglich nicht aus Sachsen-Anhalt und hast einige Jahre zusammen mit deinen Kindern und deiner Frau in England gelebt. Warum Sachsen-Anhalt? Was schätzt du an Sachsen-Anhalt am meisten?
Tatsächlich hatten wir in jedem Fall vor, von England aus nach Deutschland zurückkommen - gerade wenn es um Gründungen innerhalb der Digitalbranche geht, ist Deutschland einer der attraktivsten Standorte weltweit. Die Wege haben uns dann zur bmp Ventures geführt. Schnell haben wir in der Zusammenarbeit festgestellt, was für ein großer Standortvorteil in Sachsen-Anhalt als Gründungsstandort liegt. Letztlich sind wir im Dreieck zwischen Wolfsburg, Leipzig und Berlin fündig geworden und haben uns für Halle als Unternehmensstandort entschieden.
Darüber hinaus haben wir feststellen dürfen, dass die Menschen in Sachsen-Anhalt wirklich etwas bewegen wollen. Sachsen-Anhalt hat oft noch mehr Biss und Lust etwas zu bewegen. Man hat noch mehr vor. Das finde ich an Sachsen-Anhalt sehr charmant. Was ich vorher nicht wusste, ist wie viel Familien geboten wird. Auch was die Möglichkeiten für Frauen in der Arbeitswelt angeht, ist Sachsen-Anhalt ein Vorreiter. Ich habe es selten erlebt, dass beide Partner:innen einer Familie so selbstverständlich arbeiten gehen, was nur durch die gute und umfangreiche Kinderbetreuung möglich ist. Der Balanceakt zwischen Job und Privatleben - vor allem im Alltag mit Kindern - ist selten so gleichberechtigt zwischen bspw. Mann und Frau wie hier.
Ihr arbeitet im IBM Client Innovation Center Germany an ganz vielfältigen Softwareprojekten für unterschiedliche Branchen, u.a. in den Bereichen Softwareentwicklung, -beratung und -entwicklung. Was könnt ihr am besten? Was ist eure größte Stärke?
Unsere größte Stärke ist, dass wir Projekte in der Softwareentwicklung bei der IBM CIC ganzheitlich betreuen können: von den Anforderungen, bis hin zur Umsetzung und dem Betrieb. Wir haben ein vielfältiges Mitarbeitenden-Set an Businessanalyst: innen, Projektmanager:innen bis hin zu Developer:innen und Tester:innen. Als IBM Tochter sind wir außerdem nah am Zahn der Zeit - die "heißen" Trends und Technologien, die die Welt gerade begeistern, finden damit automatisch auch bei uns statt und werden umgesetzt. Aktuell bezieht sich das vor allem auf die Themen Hybrid Cloud, Quantum und natürlich KI.
Das IBM Client Innovation Center Germany ist eine 100% IBM-Tochtergesellschaft mit weiteren Standorten in Frankfurt, Köln und München. Wie fügt ihr euch das globale IBM-Netzwerk ein? Was ist eure Rolle?
IBM Global unterteilt sich in zwei große Bereiche: die IBM Technologie und die IBM Consulting. In der IBM Technologie werden die klassischen IBM Hardware- und Software Produkte entwickelt und vertrieben. Der Bereich IBM Consulting agiert Hersteller-agnostisch, das heißt wir unterstützen auch bei der Implementierung von SAP-, Microsoft- und anderen marktverfügbaren Softwarelösungen. Bei uns liegt der Fokus ganz klar auf der Begleitung unserer Kunden bei ihrer digitalen Transformation.
Wir als Client Innovation Center sind dabei die sogenannte "delivery force" von IBM. Wir haben zwar keinen eigenen Vertriebsapparat und arbeiten fast ausschließlich für die IBM DACH, aber bei uns sitzen die Expertinnen und Experten, die es braucht, um genau solche großen Transformationsprozesse umzusetzen und von Anfang bis Ende zu begleiten. Was uns im CIC ausmacht, ist, dass wir die technische Expertise mitbringen und zudem, wie der Großteil unserer Kunden, deutsch sprechen. Damit können wir auch stark regulierte Branchen, wie den öffentlichen Sektor Deutschlands, und den Banken- und Versicherungsmarkt, problemlos bedienen. Insgesamt haben wir knapp 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland, davon grob die Hälfte in Magdeburg. Der übrige Anteil teilt sich auf unsere Standorte in Frankfurt, Köln und München auf.
Warum Informatik? Was begeistert dich an dem Bereich am meisten?
Zum Informatikstudium bin ich gekommen wie die sogenannte "Jungfrau zum Kinde". Ich selbst war im ersten Leben Soldat und als Offizier durfte ich im Assessment angeben, was ich gerne studieren möchte. Meine Top-3 Wünsche waren: Luft- und Raumfahrttechnik, Informatik und Elektrotechnik. Durch Zufall ist es dann die Informatik geworden und ich habe schnell meine Begeisterung für die 1en und 0en entdeckt. Schon in der Schulzeit war ich großer Mathematik-Fan und fand das logische Herleiten von Dingen schon immer spannend. Dass das Gebiet der Informatik sich jetzt als der wesentliche Treiber für die komplette Neugestaltung des Arbeitsmarktes herausstellt, das ist für mich persönlich eine wirklich tolle Sache. Was wir Menschen mit den richtigen Tools erreichen können, ist wirklich beeindruckend!
Du hast es eben selbst schon erwähnt, vor deiner Tätigkeit bei IBM warst du 14 Jahre lang bei der Bundeswehr. Von außen betrachtet sind das zwei sehr unterschiedliche Welten. Ist dem so und wie hat das deinen Führungsstil beeinflusst?
Bei der Bundeswehr ist Führung vermeintlich eine stark hierarchische Angelegenheit. Wenn ich es so machen würde, wie das oberflächliche Bild der Führungskultur der Bundeswehr in der Gesellschaft gezeichnet ist, hätten meine Kolleginnen und Kollegen mit Sicherheit ein anderes Bild von mir. :D
Dabei ist „Befehl und Gehorsam“ nur ein Teil der Führung in der Bundeswehr. Wenn man sich die Historie anschaut, stößt man schnell auf die Geschichte des Generals von Seydlitz. Er hatte den Auftrag, Zorndorf einzunehmen und dafür von seinen Vorgesetzten einen detaillierten Plan erhalten. Sie wollten, dass er seine Soldaten rechtsumfassend in die Stadt führt - tatsächlich hat General von Seydlitz vor Ort – in der Situation – gemerkt, dass er auf diese Art, viele Menschenleben riskieren würde und sich bewusst für einen späteren Angriff und den Weg über die linke Seite entschieden. Am Ende konnte er die Stadt dann zwar einnehmen, allerdings musste er sich vor einem Kriegsgericht verantworten, weil er sich aktiv gegen seine Anweisungen widersetzt hat.
Die Moral der Geschichte ist, dass er letztlich nicht belangt wurde, weil man realisiert hat, dass es wesentlich besser ist mit Auftrag zu führen, als stumpf allen Anweisungen zu folgen. Das heißt, man gibt demjenigen, der führen soll, die freie Wahl wie er das tut. Dieses Prinzip „Führen mit Auftrag“ nennt man in der Wirtschaft "management by objectives" und das funktioniert auch in der IT-Welt hervorragend.
Fun Fact: In der Geschichte von General von Seydlitz findet man 3 Kernwerte - Transparency, Inspection und Adoption. Das beschreibt so viel wie die Wahrnehmung von Dingen, adaptives Denken, und das Anpassen an verschiedene Gegebenheiten. Und genau diese drei Kernelemente bilden die Basis des heutigen, agilen Projektmanagement-Frameworks "SCRUM". Damit gilt General von Seydlitz für Viele noch heute als einer der Mitbegründer der Agilität.
Das IBM Client Innovation Center ist seit 10 Jahren in Magdeburg. Was schätzt du an Sachsen-Anhalt am meisten?
Ich glaube Sachsen-Anhalt ist ein Bundesland, das man stark unterschätzt. Ich selbst komme aus Bayern, wohne aktuell in NRW und als ich gefragt wurde, ob ich die Stelle bei der CIC in Magdeburg annehmen möchte, wusste ich ehrlich gesagt nicht, was mich erwartet. Ich selbst hatte kein sehr gutes Bild von Sachsen-Anhalt - aber das hat sich nach nicht einmal zwei Wochen grundlegend geändert. Wenn man sich anschaut, was das Land und die Stadt Magdeburg kulturell zu bieten hat, aber vor allem die tollen Menschen, die hier leben - dann merkt man schnell, dass Sachsen-Anhalt mehr ist als man denkt. Was ich hier am meisten schätze, ist die "Macher-Einstellung" der Leute. Auch hier im Büro haben wir die ersten, kurzen Berührungsängste schnell abgebaut und ich habe gemerkt wie herzlich und motiviert die Kolleginnen und Kollegen sind. Auf meinem LinkedIn Profil steht nicht umsonst "Our biggest Asset? - Our People! " und das zeigt sich jedes Mal, wenn ich hier in Magdeburg bin.



