Telemedizinische Innovation - HOME2B+ „Home Monitoring of Brain and Body Functions“

Die Nielsen Tele Medical GmbH aus Magdeburg bringt ein drahtloses Trockenelektroden-Headset auf den Markt

Für  Diagnose und Therapie von neurologischen Erkrankungen sind EEGs unerlässlich. Doch die Messtechnik ist zeitaufwendig und bislang nur in einer Facharztpraxis oder Klinik anzuwenden. In Sachsen-Anhalt wird derzeit die weltweit erste drahtlose EEG-Haube speziell für klinische Anwendungen zur Marktreife geführt.

„Wir schreiben bis zu 100 EEGs im Quartal“, sagt Dr. Christiane Bertram. Sie führt im sachsen-anhaltischen Schönebeck eine Praxis für Neurologie und Psychiatrie. Die Elektroenzephalografie, kurz EEG, ist eine Methode zum Messen von Gehirnströmen. Das in der Arztpraxis aufgezeichnete EEG sei aber nur eine Momentaufnahme, sagt die Fachärztin, und gerade darin liege ein Problem. Die Herzrhythmusstörung, der Schlaganfall oder ein epileptischer Anfall würden u.a. als Symptom kurzzeitige Bewusstseinsstörungen hervorrufen, verlangen aber gänzlich unterschiedliche Therapien. „Die Gehirnströme des Patienten müssten über längere Zeit und möglichst unter gewohnter Alltagsbelastung gemessen werden“, sagt Christiane Bertram. Daran allerdings war bislang nicht zu denken. Das aufwendige Setzen einer EEG-Haube liegt bis dato allein in den erfahrenen Händen einer Medizinisch-technischen Assistentin. Die etwa 20 Elektroden müssen vorher in eine Natrium-Chlorid-Lösung gelegt werden. Die Kopfhaut wird mit Elektroden-Paste ähnlich einer Peeling-Creme vorbereitet, damit der Kontakt mit dem Elektroden-Gel hergestellt und die Gehirnströme geleitet und gemessen werden können.

Sprung in die Telemedizin

In der Praxis von Christiane Bertram steht nun  ein Medizintechnikkoffer, dessen Inhalt innovativ und bislang weltweit einmalig ist. Die Ärztin ist eine von 18 Neurologen und Nervenärzten in Sachsen-Anhalt, die an der Anwendungsbeobachtung des drahtlosen EEG-Headsets teilnehmen. Ihre Medizinisch-technische Assistentin Angelika Kellner braucht nur noch die sprichwörtlichen „zwei Handgriffe“, bis die Elektronenhaube neuester Generation perfekt auf dem Kopf sitzt. Gerade zeigt sie einem Patienten, wie er sich die Kappe mit den eingearbeiteten Trocken-Elektroden eigenhändig aufsetzen kann. In der Hand hält er ein Tablet, die Fernbedienung für die Haube. Beide Geräte sind über ein eigenes WLAN-Netz miteinander verbunden. Das EEG-Headset zeichnet die Gehirnströme auf.

„Die Trocken-Elektroden liefern auch ohne Gel und Paste Daten von hoher Qualität“, sagt Anne-Katrin Baum. Sie ist die leitende Medizinisch-technische Assistentin für Funktionsdiagnostik am Magdeburger Klinikum der Otto-von-Guericke-Universität. Und sie gehört zum engsten Mitarbeiterteam von Professor Dr. Hans-Jochen Heinze, Leiter der Universitätsklinik für Neurologie und Neurophysiologie. Die Wissenschaftler und Mediziner entwickeln in Kooperation mit Nielsen diese drahtlose Elektrodenhaube. Vor einem Jahr gründete das amerikanische Informations- und Konsumforschungsunternehmen Nielsen in Sachsen-Anhalt die Nielsen Tele Medical GmbH. Das Unternehmen hat seinen Sitz im Magdeburger Zentrum für Neurowissenschaftliche Innovation und Technologie ZENIT und stellt hier die Haubenauben für den Anwendungsversuch des drahtlosen EEG-Headsets her.

Mit ihr macht die EEG-Messtechnik den Sprung in die Telemedizin. „Home Monitoring of Brain and Body Functions“, kurz HOME2B+ heißt das Projekt, in dem die drahtlose Haube eine zentrale Rolle spielt. Ein Kooperationspartner ist das Land Sachsen-Anhalt. Die Medizintechnik ist hier ein Leitmarkt, der innovative Spitzenprodukte hervorbringt.

Von der Idee zur internationalen Kooperation

Auf die Idee von der drahtlosen EEG-Haube kam Klinikchef Heinze, als er auf eine Erfindung in den USA stieß: Dort erforscht das Informations- und Konsumforschungsunternehmen Nielsen, wie die Neurowissenschaften und ihre Techniken im Marketing eingesetzt werden können. Es hatte eine Kappe entwickelt, um zu testen, wie Konsumenten auf unterschiedliche Werbeformen reagieren.

Am Versuch teilnehmende Arztpraxen wie die von Christiane Bertram haben inzwischen die zweite optimierte Kappe im Gebrauch. Die Ärzte selber geben in anonym ausgefüllten Formularen entscheidende Hinweise für deren Weiterentwicklung. Anne-Katrin Baum – mit beinahe 40-jähriger Berufserfahrung ausgestattet und von Anbeginn maßgeblich an der Entwicklung der EEG-Haube beteiligt – ist ein kompetentes und verlässliches Bindeglied zwischen den Praxen, den Wissenschaftlern und weiteren Kooperationspartnern. Dazu gehören die Krankenkassen AOK, BARMER und IKK sowie die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt.

Der Patient von Christiane Bertram ist in die Handhabung der Haube eingewiesen. Er wird den Koffer jetzt für zwei Tage mit nach Hause nehmen, die Elektrodenhaube in seinem normalen Alltag für einige Stunden tragen und dabei ein Tagebuch über seine Tätigkeiten führen. Dann bringt er sie wieder zurück, und die Ärztin wertet die im Headset gespeicherten Gehirnströme aus. „Bislang ist es so, dass wir Patienten für Langzeitbeobachtungen in Fachkliniken einweisen“, sagt Christiane Bertram. Da aber mit der alternden Gesellschaft auch die Zahl der therapiebedürftigen Menschen zunimmt, würden die Kliniken schon jetzt an die Grenzen ihrer Kapazitäten und finanziellen Möglichkeiten stoßen. Zudem sei die Aktivität im Netzwerk der Hirnzellen im Ruhzustand auf Station natürlich eine andere, als zuhause.

Markteinführung: 2018

Neben der Chance, eine eindeutige Diagnose zu treffen und die Patienten zielgerichtet therapieren zu können, sieht die Ärztin auch die Zeiteinsparung. Die 20 Minuten für das Anlegen der EEG-Elektroden würden sich auf fünf verkürzen, sagt sie. Christiane Bertram würde – wie ihre Kolleginnen und Kollegen – diese Haube auch in der Praxis anwenden. „Zudem sollte jeder Rettungswagen damit ausgestattet sein“, ergänzt Anne-Katrin Baum.

2018 soll die Haube auf den internationalen Markt kommen. Anne-Katrin Baum berichtet von Kontakten der Magdeburger Universitätsklinik zur Makerere-Universität in Ugandas Hauptstadt Kampala. Auch dort ist man an der Telemedizin aus Magdeburg interessiert.

Autorin: Kathrain Graubaum (Text und Foto)

 


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