Intelligente Schaltanlagen aus Sachsen-Anhalt

Montage Steuerblech FEAG Sangerhausen ©Marlis Heinz

FEAG Sangerhausen GmbH setzt auf die Digitalisierung von Schaltanlagensystemen

Es liegt nicht völlig falsch, wer die ENERGOLINE-Produkte der Firma FEAG Sangerhausen auf den ersten Blick kurzerhand als Schaltschränke bezeichnet. Doch der zweite Blick offenbart  Besonderheiten, die die weltweit agierende mittelständische Firma aus Sachsen-Anhalt zum Hidden Champion werden ließen: Flexibilität in Konstruktion und Fertigung, Entwicklung immer neuer Technologien und Einbindung modernster digitaler Möglichkeiten. Und was bringt solch ein digitaler Schaltschrank seinem Nutzer?

Beeindruckend lang und international ist die Liste der Objekte, in denen die Schaltanlagensysteme der FEAG aus Sangerhausen für die Erzeugung, Übertragung und Verteilung elektrischer Energie genutzt werden: in Papierfabriken und Kraftwerken Afrikas, Südamerikas und Australiens, in Hotelkomplexen des Nahen Ostens, in einem Stahlwerk Asiens, im Regierungshaus in Moskau oder auch in einer Raffinerie hier in Mitteldeutschland.

Flexibilität in jeder Beziehung                 

Wo liegt die Wurzel dieses Erfolgs? „Das Entscheidende ist unsere Flexibilität“, umreißt Geschäftsführer Heiko Koschmieder das Grundprinzip seines Unternehmens. „Wir liefern nicht Standard-Ware, sondern entwickeln und bauen exakt nach den Bedürfnissen unserer Kunden ausschließlich maßgeschneiderte Lösungen. Wir haben schon Anlagen hergestellt, die im Stück 22 Meter lang waren. Zu diesen maßgeschneiderten Lösungen gehört außerdem, dass wir die beim Kunden bereits anliegenden Anschlüsse in unsere Konstruktionen ebenso einbinden wie von ihm bestimmte oder entwickelte Komponenten“. Die technischen Aufgabenfelder erstrecken sich auf Schaltanlagen für Niederspannung und Mittelspannung, Schutz- und Leittechnik, Containerlösungen und Service.

Die Fragen,  die Ingenieure und Techniker von der FEAG derzeit am meisten bewegen, gehen jedoch über die längst selbstverständliche Flexibilität und Angebotsbreite hinaus und lauten: Wie können die  Möglichkeiten der Digitalisierung in Schaltanlagensystemen noch effektiver als bisher genutzt werden? Wie könnte der „mitdenkende“ und serviceorientierte Schaltkasten trainiert werden? Also was mehr als bloßes Stromverteilen kann man diesen Anlagen „beibringen“? Partner bei der Beantwortung dieser Fragen haben die FEAG-Entwickler in anderen mittelständischen Kooperationspartnern, Instituten, Hochschulen und Universitäten in Sachsen-Anhalt gefunden. An der Präzisierung der Aufgabenstellungen wirken aber auch Kunden des Unternehmens mit.

Innovative ‚Crawler‘-Baugruppe als Datenlogger, Gateway, Sensorbaugruppe und Visualisierungstool

Die Potenzen solch eines digitalen Schaltschrankes, der im Rahmen des Digitalisierungskonzeptes „Energoline.Digital“ entwickelt wird, vermag Koschmieder schon präzise zu benennen. Der Mehrwert für den Kunden kann vier Aspekte haben: Als erstes enthält das Konzept eine intelligente elektronische Dokumentation, die jedem mit der Anlage Arbeitenden sofort alle Informationen, also unter anderem Pläne oder Formulare, zur Verfügung stellt. Ein weiterer Nutzen ist die Überwachung der Betriebszustände über Sensordaten. Die Kernpunkte werden dem Anlagenbetreiber auf dessen Tablet oder Smartphone angezeigt. Darauf basieren könnte – der dritte Vorteil - ein digitales Alarmmanagement. Über hinterlegte Algorithmen wird das eigenständige Aussenden von Informationen über Verschleißabläufe innerhalb der Anlage oder über Veränderungen im Netz ausgelöst. So kann ein rechtzeitiger Service Ausfälle der Anlage verhindern. Und viertens ist es möglich, die langzeitgespeicherten Daten für ein Analysesystem zu nutzen. Das kann dann beispielsweise Aussagen zu Veränderungen der Energiequalität treffen und Betriebsdaten zur Optimierung der Anlagenkonfiguration oder zur Energieeinsparung  nutzen.

 „Heute ist sowas zwar schon möglich, aber noch sehr aufwändig“, so Koschmieder zum Stand der Dinge. „Eine breite Nutzung wird aber erst durch praktikable Plug-and-Play-Bausteine  effektiv und wirtschaftlich darstellbar. An denen arbeiten wir. Unsere zentrale Innovation ist dabei der ‚Crawler‘. Er ist eine multifunktionale plattform- und herstellerunabhängige Baugruppe und fungiert als Datenlogger, Gateway, Sensorbaugruppe und Visualisierungstool. Ihn können wir in den verschiedensten Zusammenhängen einsetzen und die auftauchenden Schnittstellen-Probleme bewältigen. ,Energoline.Digital’ sollte sich dabei noch stärker zur modularen ,Baukasten-Lösung’ entwickeln.“

Konstantes Wachstum

Im Sommer 2018 feierte die Firma am Stadtrand von Sangerhausen ihr Zwanzigjähriges Jubiläum. Das Thema der Veranstaltung war nicht zufällig die Digitalisierung in der Elektrotechnik, also die aktuell bedeutsamste Zukunfts-Aufgabe, wie Geschäftsführer Heiko Koschmieder erläutert. Doch noch ein Blick in die Chronik: 1990 übernahm Siemens den traditionellen Standort des Starkstromanlagenbaus. 1996 wurde das Unternehmen FEAG (Fertigungscenter für Elektrische Anlagen) als hundertprozentige Tochter von Siemens gegründet. Seit 1998 ist die FEAG in Familienbesitz und als mittelständisches Unternehmen tätig. Die Produkte werden unter dem Markennamen ENERGOLINE vermarktet. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich inzwischen von 40 auf kanpp 200 erhöht, vor allem Ingenieure und Techniker, Konstruktionsmechaniker und Elektroniker für Betriebstechnik. Eine aktive Nachwuchsarbeit an Schulen, Hochschulen und auch im Ausland hilft, den Bedarf an Fachkräften zu decken. Um der wachsenden Nachfrage am Markt gerecht zu werden, entstanden immer wieder neue, derzeit 12.000 Quadratmeter Fertigungsfläche umfassende Produktionshallen und zusätzliche Büro-Gebäude. 

Zu den aktuellen Vorhaben zählen unter anderem die Lieferung von 70 Niederspannungsfeldern an die entstehende Erdgas-Verdichterstation im brandenburgischen Radeland, eine der größten und modernsten Anlagen in Westeuropa, die Erneuerung der Energieverteilung  in drei Wasserkraftwerken an der Drau in Österreich und die Erweiterung der Produktion eines großen deutschen Automobilkonzerns.

Aus all diesen Entwicklungen könnte sich ergeben“, so Koschmieder, „dass wir – ständig mit allen Daten versorgt – auch die weltweite Wartung der hier gebauten Schaltsysteme übernehmen.“        

Autor: Marlis Heinz

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