Digitale Brückenschläge in die Schweiz

Axel Mayer (rechts) und Lars Bendler (Copy: LINTRA Solutions GmbH)

Transformation ganz praktisch: sachsen-anhaltische Unternehmen im CeBIT-Partnerland

Die Schweiz ist in diesem Jahr das Partnerland der CeBIT. Damit präsentiert die größte Fachmesse für Computer, Informationstechnik und Kommunikation (IKT) ein Land, das als eines der innovativsten der Welt gilt. Der Staat in der Mitte Europas nimmt bei der Bewertung von Strategien zur Digitalisierung eine Spitzenposition ein. Sachsen-anhaltische Unternehmen wie die SelectLine Software GmbH oder die Lintra Solutions GmbH haben erfolgreich Brücken in die Schweiz geschlagen und verknüpfen geschickt Standortvorteile – hier und dort.

Die Schweiz ist im digitalen Zeitalter angekommen. Etwa 90 Prozent der Unternehmen in der deutschsprachigen Schweiz sehen in der digitalen Transformation Chancen für die Wirtschaft. Das belegt die von der Commerzbank in Auftrag gegebene Studie „Vorsicht oder Vision – Investitionsstrategien bei Schweizer Unternehmen“ vom November 2015. „TNS Infratest“ hatte dazu 236 Firmen zu ihrem Investitionsverhalten befragt. Den frischen Wind, der vom europäischen Nachbarn herüberweht und über die Datenautobahnen fegt, nehmen auch Sachsen-Anhalts Unternehmen auf.

Die SelectLine Software GmbH aus Magdeburg beispielsweise macht vor, wie man Standortvorteile nutzen  und von hier aus zur guten Adresse für nationale und internationale IT-Unternehmen werden kann. Das Unternehmen hat sich in der IT-Branche einen Ruf mit Servicelösungen erworben, die genau zu Bedürfnissen der Firmen passen. Der Weg ins Alpenland lag für die Magdeburger Unternehmer nahe. „Wir hatten unsere ersten Erfolge mit der Software Mitte der 90er Jahre in der Schweiz“, erinnert sich Geschäftsführer Andreas Scharff. Das Software-Unternehmen baute ein Tochterunternehmen in St. Gallen auf und ist kräftig gewachsen. Die 20 Mitarbeiter kümmern sich um Vertrieb, Marketing, Support und um das landesspezifische Produktmanagement. Etwa 45 Prozent des Gesamtumsatzes erzielt SelectLine in der Schweiz. Am Magdeburger Standort beschäftigt der Software-Entwickler inzwischen mehr als 90 Mitarbeiter. Das Unternehmen war nicht nur mit den richtigen Produkten zur richtigen Zeit am Markt – nach 1992 entschloss man sich auf Software für Warenwirtschaft und Finanzen umzusteigen und traf damit genau ins Schwarze – sondern nutzte auch geschickt Standort-Vorteile, die Sachsen-Anhalt bietet. Vor allem die Hochschul-Struktur, günstige Mieten und Förderprogramme machen das Land zwischen Arendsee und Zeitz zur attraktiven Adresse für nationale und internationale IT-Firmen, meint Scharff.

Für die beiden SelectLine-Geschäftsführer war vor allem die Nähe zur Otto-von-Guericke-Universität (OvGU) Magdeburg und zur Hochschule Magdeburg-Stendal mit ihren universitären Einrichtungen wichtig. Andreas Scharff und Rainer Kuhn, beide selbst ehemalige Informatik-Studenten der OvGU, suchen frühzeitig den Kontakt zu den gut ausgebildeten, meist praktisch versierten Studenten und sichern sich damit Fachkräfte. Hochqualifiziertes und motiviertes Personal aus der Region trägt entscheidend zum Erfolg hier ansässiger Unternehmen bei, meint Andreas Scharff.  „Umgekehrt haben junge Fachkräfte dank des Wachstums der IT-Branche vielversprechende Perspektiven.“ Dazu kommen, so der Geschäftsführer, die gestiegene Lebensqualität und bezahlbarer Wohn- und Büroraum. Zudem hätten sich hierzulande Unternehmen etabliert, die für weltweit gefragte IT-Lösungen im Bereich Data Security stehen, wie Dell in Halle (Saale) oder IBM in Magdeburg. „Wenn wir hier weiter digitale Impulse für die Wirtschaft nutzen können, bringt uns das noch weiter“, sagt Andreas Scharff. Im Hinterkopf hat er dabei den Vergleich zur Schweiz. Hier lebt man nur geographisch gesehen hinter den Bergen. „Das Verständnis zum Nutzen der IKT-Technologien ist sehr groß“, weiß der Geschäftsführer. Das liegt nicht nur an dem fortschrittlichen Digitalisierungsdenken, sondern auch an der generellen schweizerischen Offenheit Neuem gegenüber, meint Scharff. Hinzu kommt die gute Infrastruktur: „Ein gut ausgebautes Breitband gehört zum Standard. Und Behörden und Ämter sind sehr unternehmerfreundlich aufgestellt.“

Ähnliche Erfahrungen hat auch ein anderes Magdeburger Unternehmen gemacht. Als Softwarehersteller und Beratungsunternehmen ist die LINTRA Solutions GmbH  international erfolgreich – arbeitet an Standorten in der Schweiz, Bulgarien und den USA. Global und grenzenlos zu denken, gehört hier zu Firmenphilosophie. LINTRA entwickelt, implementiert und lizenziert Lösungen auf der Basis standardisierter eigener SharePoint-Komponenten. Das Unternehmen bietet Anwendungen sowie Services und berät international Kunden im Einsatz von Softwarelösungen zu Prozessmanagement, Projektmanagement und zur workflowgestützten Kollaboration auf Basis der Microsoft SharePoint Technologie. Das junge Unternehmen kann in den vergangenen zehn Jahren auf stetiges Wachstum zurückblicken, ist preisgekrönt für innovative Produkte und Services, Best in Cloud Gewinner in der Kategorie „Best Business Idea“ und Gold Certified Partner der Microsoft. Zurzeit beschäftigt das IT-Unternehmen 45 Mitarbeiter. Digitale Transformation ist für Axel Mayer, Geschäftsführer Operations, schon längst kein Fremdwort mehr: „Software ist implementiertes Fachwissen. Seit zehn Jahren übersetzen wir geschäftliche Anforderungen und Abläufe in nützliche SharePoint-Anwendungen und entwickeln so Werkzeuge, die unsere Kunden in ihren Geschäftsprozessen praktisch unterstützen können“, sagt er. Beim Blick auf die Schweiz meint er: „Das Land ist sehr offen für neue Technologien und beim Thema der softwaregestützten Kollaboration dem deutschen Markt gut und gern etwa zwei Jahre voraus.“

Das Magdeburger Unternehmen schätzt die Vielzahl der innovativen Firmen in der Schweiz. „Sie sind eine breite Basis für solvente, potentielle Kunden“, meint Axel Mayer. Der Schritt, selbst dort einen Standort zu eröffnen, war für LINTRA folgerichtig. „Für die Schweiz zu arbeiten, heißt oft, auch in der Schweiz zu arbeiten“, sagt der Geschäftsführer. „Das braucht örtliche Nähe, örtliche Kontakte, Mitarbeiter aus der Region und auch kulturelles Verständnis.“ Beim Team am Berner Standort setzt das Unternehmen auf einen Mix. „Qualifiziertes Personal ist auch in der Schweiz rar und mit hohen Kosten verbunden“, erklärt Mayer. Darum mischt LINTRA die Belegschaft: Die deutschen Mitarbeiter kümmern sich um das Engineering und die Software-Entwicklung, die Schweizer Kollegen um das Projektmanagement und die Kundenbetreuung. „Verknüpfung von Standortvorteilen beider Regionen mit Nutzen für Sachsen-Anhalt und Schweizer Firmen“, nennt der Geschäftsführer das. „Das könnte ein vielversprechendes Modell für sachsen-anhaltische Unternehmen werden“.

Die praktische Zusammenarbeit in Bern hat zudem noch einen weiteren Vorteil. Lars Bendler, Geschäftsführer Innovations bei LINTRA, schwört auf die Nähe zur IKT, die in der Schweiz ganz automatisch oben auf der Tagesordnung steht. „Das ist gut so, am digitalen Wandel kommt keiner vorbei“, ist er sich sicher. „Neue Technologien müssen in Deutschland noch viel häufiger in bewährte Businessmodelle integriert werden.“ Dann, so Lars Bendler, können auch in Deutschland die Wertschöpfungsketten weiter optimiert und ganz neue digitale Geschäftsmodelle entwickelt werden. Zukunftsmusik? „Vielleicht“, sagt Bendler, „aber die digitale Transformation führt nun mal direkt in die Zukunft. Wir können sie von Sachsen-Anhalt aus mit ansteuern.“

Bildunterschrift: LINTRA Solutions GmbH Axel Mayer (rechts) und Lars Bendler (Copy: LINTRA Solutions GmbH)

vorheriger Beitragnächster Beitrag