Wenn Informatiker Medizinern auf die Sprünge helfen

Die beste Medizin ist der Arzt selbst. Sagen Studien. Sagt die Lebenserfahrung. Aber was, wenn kein Mediziner da ist? Weil sich in der dünn besiedelten Region kein Nachfolger für die Hausarztpraxis fand. Weil die alternde Bevölkerung mehr Ärztezeit benötigt als Kapazität da ist. Dann kann Telemedizin – ein Beispiel für E-Health - das Problem lindern. Informatiker in Sachsen-Anhalt arbeiten eng mit Medizinern zusammen, verwandeln Messdaten in Bilder, helfen Daten zu übermitteln und so die medizinische Versorgung zu verbessern.

Beispiel Halle an der Saale. Hier untersucht die Hallesche Wohnungsgenossenschaft FREIHEIT eG die Praxistauglichkeit von Telemedizin in einem Pilotprojekt mit vielen Partnern. Mit den Möglichkeiten der Telemedizin lassen sich beispielsweise im Sinne der Unterstützung von ärztlichen Tätigkeiten medizinische Behandlungsleistungen im häuslichen Umfeld oder in kritischen Versorgungsregionen sicherstellen. Darüber hinaus lassen sich Eigenständigkeit und Lebensqualität für die betreffenden Patienten deutlich verbessern.

Preiswürdige Grundlagenforschung
Während die Telemedizin den Alltag erleichtert, Zeiten für Wege zum Arzt und fürs Warten reduziert, widmen sich Sachsen-Anhalts Forscher auch grundlegenden Fragestellungen im Bereich der Medizin, bei denen Datenverarbeitung eine Rolle spielt. So entwickelten Prof. Dr.-Ing. Bernhard Preim und Dr.-Ing. Benjamin Köhler, Computervisualist am Institut für Simulation und Graphik der Fakultät für Informatik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg,  die Software „Bloodline“, die Blutverwirbelungen an den Wänden der Herzkranzgefäße analysiert. Beide sind Informatiker.  Mit dem Medizin-Thema hat sich Bernhard Preim ganz persönlich „infiziert“: Er ist mit der Radiologin Dr. Uta Preim verheiratet. „Das Projekt ist maßgeblich von meiner Frau initiiert worden, die ein Jahr am Herzzentrum Leipzig als Radiologin gearbeitet hat und natürlich wusste, wie wir als Informatiker zur Auswertung von Blutflussdaten beitragen können.“ „Die Algorithmen- und Softwareentwicklung hat Benjamin Köhler fast ganz allein bewältigt“, ist Professor Preim stolz auf seinen „weit überdurchschnittlich guten Doktoranden“. Das Thema insgesamt ist in der medizinischen Forschung ebenso aktuell wie in der Informatik-Forschung. Der 3. Platz im Bereich Grundlagenforschung beim Hugo-Junkers-Preis 2016 ist zusätzlicher Lohn für die Arbeit - neben der Anerkennung in der Fachwelt.

Was wird nun aus „Bloodline“? „Bei der Software handelt es sich um einen Prototypen rein zu Forschungszwecken. Die Messtechnik ,4D PC-MRI‘, wie ,Bloodline‘ offiziell heißt, ist noch weit davon entfernt, im klinischen Alltag eingesetzt zu werden“, sagt Benjamin Köhler. An der Universitätsklinik in Magdeburg und im Herzzentrum Leipzig wird sie jedoch für Studien und weitere Forschungen eingesetzt. Sowohl Uta Preim als auch Doktoranden arbeiten mit ihr und geben Benjamin Köhler wertvolle Hinweise aus der Praxis. Die Software soll schließlich eine vorausschauende und damit bessere Therapie bei Erkrankungen der Herzkranzgefäße ermöglichen.

Zeit ist Gesundheit
Aber auch praxisorientiert hat sich die Otto-von-Guericke-Universität telemedizinischer Forschung verschrieben, um Schlaganfallpatienten die notwendige schnelle Hilfe zu ermöglichen, selbst wenn kein Spezialkrankenhaus in der Nähe ist. „Mit der Telemedical Acute Stroke Care, kurz TASC, konnten wir per Telemedizin nachweislich dafür sorgen, dass Patienten nach einem Schlaganfall so zügig Medikamente erhielten, dass sie signifikant bessere Heilungschancen haben“, berichtet Peter Knüppel. Die Uni hat ein Netzwerk aufgebaut, an dem sich mehrere Kliniken im nördlichen Sachsen-Anhalt beteiligten. Die Patientendaten wurden im Uniklinikum Magdeburg bewertet, die Therapie erfolgte vor Ort. Kurze Wege, schnelle Hilfe, bessere Genesung. „Inzwischen gibt es kein Forschungspotenzial mehr, so dass wir als Medizintechniker ausgestiegen sind. TASC läuft aber immer noch“, ist Informatiker Knüppel zufrieden mit der Nachhaltigkeit. Als eine Art Weiterentwicklung gab es dann ASTER. In diesem Projekt hatten sich Unternehmen und die Uni zusammengetan, um die Ausstattung von Krankenwagen zur optimalen Versorgung von Schlaganfallpatienten zu optimieren..

Die räumliche Nähe von Medizinern, Informatikern, Computervisualisten und weiteren Spezialisten hilft den Experten, ihr Wissen in Netzwerken gebündelt einzusetzen. So entwickeln sie „Bloodline“ und „TASC“ und laden ein zum „Wohnen 4.0“. Sachsen-Anhalt wuchert mit seinem Pfund – gut ausgebildete und ehrgeizige junge Forscher, die „etwas Nützliches“ erfinden wollen.

Autor: Renate Wähnelt

Bild: Hasomed GmbH

vorheriger Beitragnächster Beitrag