Sachsen-Anhalt erprobt den Einsatz „intelligenter“ Kommunikationstechnik an Notrufsäulen

Monotone Fahrten auf der Autobahn stellen die Aufmerksamkeit von Autofahrern mitunter auf eine harte Probe. Über lange Strecken kann der Verkehrsfluss reibungslos verlaufen. Und dann tritt unerwartet ein Ereignis ein, dass zum schnellen und vor allem richtigen Handeln zwingt: beispielsweise ein plötzlich abbremsendes Fahrzeug vor einem Stauende, ein Unfall, eine Tagesbaustelle oder aber ein Falschfahrer. Vor solchen und ähnlichen Gefahren sollen Autofahrer zukünftig besser gewarnt und geschützt werden. Möglich machen kann das die echtzeitnahe Kommunikation und den Datenaustausch zwischen Fahrzeugen untereinander und mit der Verkehrsinfrastruktur. Pkws, die miteinander sowie mit Schilderbrücken, Notrufsäulen und Lichtsignalanlagen „sprechen“, mögen den meisten heutigen Autofahrern wie Szenarien aus einem Science-Fiction-Film erscheinen. Tatsächlich jedoch arbeiten Automobilhersteller und deren Zulieferfirmen in Zusammenarbeit mit Universitäten, Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen längst an der technischen Umsetzung der sogenannten intelligenten Transportsysteme und -dienste (ITS). An diesen zukunftsweisenden Arbeiten sind auch Unternehmen und Forscher aus Sachsen-Anhalt maßgeblich beteiligt.

Eines dieser kürzlich abgeschlossenen Teilprojekte zu kooperativen intelligenten Verkehrssystemen heißt abgekürzt ANIKA (Aufrüstung von Notrufsäulen zur V2I- Kommunikation an Autobahnen). „Darin wurde untersucht, ob die bereits vorhandenen Notrufsäulen an deutschen Autobahnen technisch so aufgerüstet werden können, dass sie für das intelligente Verkehrsmanagement genutzt werden können“, sagt Andreas Müller, Leiter des ANIKA-Projektes in Sachsen-Anhalt. Die Länder Niedersachsen und Sachsen-Anhalt haben finanziell die beiden ANIKA-Schwesterprojekte unterstützt. Im Projektkonsortium des Landes Sachsen-Anhalt arbeiten Mitarbeiter vom „Galileo-Testfeld Sachsen-Anhalt“, der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität mit den Firmen ifak system GmbH, Tonfunk Systementwicklung GmbH und dem Fraunhofer Institut IFF zusammen.

Die Helfer in der Not

Derzeit stehen entlang bundesdeutscher Autobahnen, an deren Auf- und Abfahrten sowie nahen Parkplätzen rund 16.000 orangerote Notrufsäulen, darunter 587 allein im Flächenland Sachsen-Anhalt. An ihnen können Autofahrer im Fall einer Panne oder eines Unfalls fernmündlich mit einer Leitstelle sprechen, die die Hilfe der Polizei, Feuerwehr und Rettungs- und Pannendienste organisiert. Dieser Warndienst ist zweifellos nützlich und hat sich bewährt. Allerdings kann zwischen dem Auftreten einer Panne oder eines Unfalls auf der Autobahn, dem Absetzen der Warnmeldung und dem Eintreffen der Rettungsdienste wertvolle Zeit verstreichen – Zeit, die durch eine intelligente, automatische Weiterleitung verkehrsrelevanter Informationen vom Pannenfahrzeug an nahegelegene Notrufsäulen und die zuständige Notfallzentrale deutlich reduziert werden könnte.

„Die Idee war, die Notrufsäulen technisch so aufzurüsten, dass sie die von vorbeifahrenden Fahrzeugen gesendeten WLAN-Funkdaten aufnehmen, diese Daten an eine Leitstelle weitergeben und im umgekehrten Weg wichtige Ereignisdaten echtzeitnah für den betreffenden Autobahnabschnitt an vorbeifahrende Fahrzeuge senden“, so Projekt-Manager Andreas Müller.

Fahrzeuge, die durch unterschiedliche Ereignisse auf der Autobahn zum Stehen kommen, sollen so möglichst schnellerfasst und der nachfolgende Verkehr echtzeitnah gewarnt werden können. „Das vorausschauende Fahren zu unterstützen und dadurch die Verkehrssicherheit und -effizienz zu erhöhen soll Ziel des ANIKA-Projektes sein", so Thorsten Szczepanski Geschäftsführer von der ifak system GmbH. 

Dass diese Technologie prinzipiell bereits heute funktioniert, haben die Mitarbeiter des ANIKA-Projektes unlängst im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung mit Vertretern von Politik, Presse und Wirtschaft auf dem Außengelände der Gedenkstätte „Deutsche Teilung“ an der A2 bei Marienborn unter Beweis gestellt.

Unabhängigkeit vom Mobilfunknetz

„Die Einbeziehung der vorhandenen Notrufsäulen in die zukünftige Verkehrslenkung und Verkehrskommunikation hat mehrere Vorteile“, so der Dipl.-Geograph Andreas Müller. Einerseits ist die Kommunikation über Notrufsäulen unabhängig von den Mobilfunknetzen. Zugleich liefert sie genaue Positionsdaten zu einem Ereignis. Die genaue Position aller derzeit 16.000 Notrufsäulen ist bekannt, d.h. georeferenziert, somit lassen sich neue, potentielle Unfallgefahren räumlich exakt zuordnen und können dem vorausschauenden Verkehr auf den jeweiligen Autobahnbereichen die notwendigen Informationen liefern.

Die zukünftige intelligente Verkehrsinfrastruktur wird auch den bisherigen Verkehrsfunk im Radio verändern. Warum sollte der Fahrer der auf der A2 in Richtung Hannover ist, zugleich vor Staus auf der A8 Salzburg Richtung München gewarnt werden, so wie dies im Verkehrsfunk bislang üblich ist? Diese Infos sind für ihn unbedeutend und können eher verunsichern. Viel wichtiger ist es für einen Autofahrer, ob auf den nächsten Kilometern seiner Fahrstrecke ein reibungsloser Verkehr zu erwarten ist, bzw. ob und wann alternative Fahrtrouten sinnvoll sind. Dazu können „intelligente“ Notrufsäulen künftig einen Beitrag leisten. „Mit dem ANIKA-Projekt können wir dem Ziel, der Vermeidung von Unfällen und Staus durch eine intelligenten Regulierung des Verkehrsflusses näher kommen“, so Andreas Müller. Weitere praxisnahe Überprüfungen an der A9 in Bayern und vielleicht auch auf Straßenabschnitten in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen sollen demnächst folgen

Autor: Uwe Seidenfaden
Bildrechte: Galileo Testfeld

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